Autismus vs. ... ja was denn nun?

  • Franz ist Autist, 
  • seine Schwester Susanne ist Nicht-Autistin,
  • seine Mutter ist auch Nicht-Autistin, 
  • seine Schwester Hanna ist Autistin.

Eine seltsame Unterscheidung?

  • Franz ist ein Mann, 
  • seine Schwester Susanne ist ein Nicht-Mann, 
  • seine Mutter ist auch ein Nicht-Mann und 
  • seine Schwester Hanna ist auch ein Nicht-Mann.

Eine seltsame Unterscheidung!

Wenn wir zwei Gleichwertige Gruppen nebeneinander stellen, aber nur eine davon einen eigenen Begriff hat, dann geht das mit einer Bewertung einher. Ob diese Bewertung nun für die eine oder andere Seite besser aussieht hängt vom Begriff ab. 

Ein Nicht-Mann zu sein – und auf ausschließlich diese Definition reduziert zu werden – würde mich als Frau wohl nicht gerade stärken und mir nicht dabei helfen meine Weiblichkeit voll Freude und Selbstbewusstsein auszuleben.

Wie verhält sich das in Lebensbereichen wo nur das „auffälligere“ Erscheinungsbild einen eigenen Begriff hat?

Probieren wir es aus:

Als Nicht-Alkoholikerin, Nicht-Mörderin und Nicht-Raucherin grenze ich mich deutlich von drei Arten des Seins, bzw. Wahl der Aktivitäten ab, die für mich auch alle nicht erstrebenswert sind. Tatsächlich bin ich recht froh, hier jeweils ein „Nicht“ zu haben. 

Außerdem bin ich auch Nicht-Göttin, Nicht-Millionärin und Nicht-Nobelpreisträgerin. Insgesamt ganz erträgliche Nicht-Zustände finde ich, könnte schlimmer sein. Es lässt sich auch so ganz gut leben. 

Die ersten drei Unterschiede sind irgendwie auch einfach erklärt: Ich trinke Alkohol im Prinzip so gut wie gar nicht, habe noch nie jemanden ermordet, rauche nicht.

Die nächsten drei Unterschiede bieten schon mehr Spielraum: Ich bin sterblich geboren und auch im metaphorischen Sinn reichen meine optische und meine sehr überschaubare charismatische Erscheinung jetzt nicht für den Begriff ‚Göttin‘ aus, ich habe und keine 7stellige Summe am Konto oder im Safe und bin in keinem einzigen Fachgebiet, welches jährlich in Stockholm honoriert wird eine ausgesprochene Koryphäe, nicht einmal annähernd. 

Was hat das jetzt mit Nicht-Autist*in zu tun? Was soll das jetzt aussagen?

Für mich hat sich gezeigt, dass ich bei obigen Begriffen und deren „Nicht-Variante“ automatisch eine Bewertung vornehme –  und zwar sehr schnell, also ohne meine Großhirnrinde großartig zu bemühen – welche Option die Bessere ist. 

Ich empfinde ‚Mörderin‘ als schlechter als meine eigene Position und ‚Göttin‘ als besser als meine eigene Position. Welchen Begriff ich positiv besetzt erlebe und welchen negativ darf ich getrost als mein eigenes Wertesystem bezeichnen und es zeigt mir wie ich geprägt bin und damit auch wie mich bspw. meine Gesellschaft geformt hat. 

Keine Frage, es gibt auch Menschen die es anders erleben müssen, wo die Mörderinnen die Heldinnen sind und die „Göttinnen“ und ihre menschlichen Pendants harte Strafen erdulden müssen. 

Ok. Und was hat das jetzt mit Nicht-Autist*in zu tun?

Nun, wenn ich nur unterscheide in Autist*in vs. Nicht-Autist*in, dann ist schon alleine durch die Verwendung des ‚Nicht-…’ eine der beiden Optionen die „Bessere“, die Erstrebenswertere. Das mag mein inneres Wertesystem aber leider gar nicht gern, auch weil es ja bemerkt, dass es kaum möglich ist sich dieser Bewertung zu entziehen. 

Natürlich ist es in einer von Nicht-Autist*innen geprägten Gesellschaft die schwierigere Aufgabe Autist*in zu sein, aber die Sprache muss dies ja nicht unbedingt noch verschärfen, oder?

Nicht-Männer in einer Männergesellschaft hätten wohl nicht so leicht ein Nicht-Männer-Wahlrecht durchsetzen können, als Frauen in einer Männergesellschaft das Frauenwahlrecht, die zumindest den Vorteil mitbrachten eine gemeinsame Gruppe zu sein. (Zugegeben der Vergleich hinkt: leicht war es für die Frauen keinesfalls und viele Frauen sehen sich noch immer nicht als Teil dieser Gruppe, die sich liebevoll unterstützen könnte, anstatt sich intrigant um die Gunst höhergestellter Männer zu buhlen.)

Wenn wir sprachlich riskieren, dass sich die Begriffe Autist*in und Nicht-autist*in durch die klare Negation nicht beide am Pluspol befinden können, dann müssen wir uns auch scharf damit auseinandersetzen, ob der Begriff Autist*in tendenziell eher positiv oder negativ konnotiert ist. 

Wie können wir das erkennen? 

Es braucht keine Studien oder umfangreiche Recherchen. Ein ganz kurzer Streifzug durch die Geschichte zeigt uns schon, dass das ursprüngliche Gegenteil von Autist*innen eben „Normale Menschen“ waren. 

Wir sehen außerdem, dass auch im Jahr 2018 noch der Begriff ‚autistisch‘ hochgradig negativ bewertend verwendet wird, wenn bspw. eine deutsche Krankenkasse vor den Folgen der Nutzung von Netflix warnen möchte.

„Aber der Begriff „normal“ ist doch nicht wertend, das spiegelt ja nur statistische Tatsachen wider!“

Gut, ich lasse mich kurz auf dieses Gedankenexperiment ein. Mathematik erlaubt es uns ‚Normalität‘ zu berechnen. Ein hübsche Kurve zeigt uns dann erstens mal, was die Norm ist und gibt uns zweitens die Möglichkeit auch gleich zu entscheiden, wo genau die Grenze des Normalen gezogen wird. 

Ich erlaube mir nun eine furchtbare Vereinfachung der höheren Mathematik, (bitte Gauß hiermit innigst um Verzeihung) und ziehe diese Grenze nun, mit aller gebotenen Willkür bei 20%.

Das heißt ein Vorkommen von mehr als 20% bedeutet: das ist normal. Sollten weniger als 20% dieser Gruppe angehören, dann ist sie eben nicht normal. 

Ich betrachte mal die Gruppe der Geschlechter und behalte mir für die nächsten Zeilen die Nutzung des Stilmittels Sarkasmus vor: 

Mann – Frau – Transgender – Intergender. Resümee: Mann und Frau (grob geschätzt jeweils um die 50%) sind hier normal, der Rest ist nicht normal nicht.

Rechtshänder – Linkshänder – Beidhänder – Arm- bzw. Handlose. Resüme: Rechtshänder sind normal, Linkshänder haben es leider nicht geschafft und schrammen (je nach Studienlage um die 10-15%) unter der Grenze vorbei. Die Gute Nachricht – es werden immer mehr Linkshänder, also: Mit ein bisschen mehr Engagement könnten sie es in den nächsten Jahrzehnten doch noch schaffen zu den Normalen zu gehören.

Heterosexuell – Homosexuell – Bisexuell  – Asexuell: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache, der sich leider allen Ernstes immer noch einige Machthaber, Regierungen und religiöse Vereine anschließen: Heterosexuell ist normal, der Rest nicht. Es gibt etwa (2.3%)  homosexuell orientierte Menschen und weniger Bisexuelle und Asexuelle – wobei gerade die letzte Gruppe dann bei einigen religiösen Vereinen ein besonders hohes Ansehen hat. Das Anormale hat also offensichtlich auch das Potenzial als „etwas ganz Besonderes“ betrachtet zu werden. 

Und mit dieser weltbewegenden Erkenntnis möchte ich nun den Sarkasmus wieder in seine Ecke jagen und hoffe deutlich aufgezeigt zu haben, dass „mathematisch normal“ nicht ausreicht um unserer Vielfalt gerecht zu werden und auch, dass es in den letzten 70 Jahren glücklicherweise, hart erkämpft und leider auch noch immer nicht ganz gleichgestellt, zu etwas ganz Normalen geworden ist beispielsweise eine homosexuelle Linkshänderin zu sein, um nur ein Beispiel zu nennen. Zugegeben die Wahrscheinlichkeit Transgender und Beidhänder zu sein, ist da einen Hauch geringer, aber die Wertigkeit als Mensch ist davon nicht beeinträchtigt und sozusagen unantastbar.

Wir bemerken, dass rein mathematische Beschreibungen hier der menschlichen Seele und ihren vielen wertvollen Variationen nicht gerecht werden kann und lösen uns vom Begriff des „Normalen“ und suchen weiter nach passenderen Gegenüberstellungen, denn die sind auch Ausdruck der gelebten Grundhaltung gegenüber jener, deren Kernkompetenz eben nicht ist, sich möglichst nahe am Durchschnitt einzuordnen.

Zurück zum Thema: Was kann denn nun ein brauchbares Gegenteil zu Autismus sein?

Ein Begriff, der sich in den letzten beiden Jahrzehnten etabliert hat, um all jene zu beschreiben deren neuronale Grundstruktur und Arbeitsweise nicht autistisch ist, möglichst wertfrei zusammenzufassen ist:  „Neurotypisch“

Neuro bezieht sich auf unser Gehirn – somit noch wertfrei – dies haben ja alle Menschen gleichermaßen, wenn auch die Nutzung nicht in gleicher Form oder im gleichen Ausmaß gewährleistet ist. 

Typisch hingegen lässt sich auch mit ‚charakteristisch für die Norm‘ umschreiben, wo wir uns schon wieder mit dem Begriff des normalen und nicht normalen auseinander setzen müssen.

Abgesehen davon hat der Begriff ‚Neurotypisch‘ aber auch den großen Nachteil, dass er im eigentlichen Sinne nicht nur die Gruppe der Autisten ausschließt, sondern auch andere Formen des nicht „normgerecht“ entwickelten oder arbeitenden Gehirns – bzw. deren direkte Eigentümer davon ausgenommen sind.

Neurotypisch sind also alle, die nicht-autistisch, nicht-psychotisch, nicht-aufmersamkeits-defizitär-hyperaktiv-gestört, nicht-sonstwie-psychisch-oder-neurologisch-auffällig sind. 

Da frag ich mich nicht nur, ob diese Gruppe der Nicht-Neurotypen überhaupt noch kleiner ist als die der Neurotypen, sondern auch, wie man mit diesem Begriff das Gegenteil von Autismus ausdrücken will, wenn es doch eigentlich weit mehr als das bedeutet?

Ein unbefriedigender Umstand. 

Zugegeben, am liebsten hätte ich ein neues Wort geschaffen. Ein schönes, wertfreies, beschreibendes und eindeutiges Wort für Nicht-Autisten. 

Es fiel mir nur leider keines ein.

Ich wäre ja sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hätte es ins Auge gefasst einfach zwei neue Wörter zu schaffen, mich von dem Begriff Autismus loszulösen und ganz von vorne zu beginnen, mit zwei schönen, von negativen Konnotationen freien Wörtern diese beiden Untergruppen der Art des Denkens und der Reizverarbeitung zu beschreiben.

Sie wollten mir leider auch nicht einfallen.

Zurück am Start begegnete mir das Wort Allismus. Zugegeben, ich kann mich auch gar nicht mehr an unsere erste Begegnung erinnern, es muss wohl an irgendeiner lauschigen Seitengasse im urbanen Viertel des Internets gewesen sein. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick – auch nicht auf den Zweiten. 

Was mir gleich gefiel, war die Homogenität mit der dieser Begriff sich als Pendant zu Autismus sowohl optisch als auch klanglich einfügt, als wäre da nie eine ratlose Lücke gewesen. Das gefällt mir bis heute. 

Die Bedeutung: griech allòs (ein Anderer – in diesem Zusammenhang auf Andere bezogen) im Gegensatz zu griech. autòs (Selbst – in diesem Zusammgenhang ‚auf sich selbst bezogen‘) hat mich noch eine zeitlang intensiv beschäftigt.

Die beiden Begriffe als Absolute zu behandeln, wäre natürlich nicht richtig. Autisten sind nicht ausschließlich völlig auf sich selbst bezogene Menschen und Allisten sind im Umkehrschluss natürlich auch keineswegs stets und ununterbrochen auf andere bezogen. 

Was sich aber trotzdem pauschalisierend sagen lässt: Allisten fällt es leichter mit Anderen, auch mit Unbekannten anderen gut zurecht zu kommen. Allisten haben einige Geheimsprachen, die sich für die meisten Autisten nicht automatisch erschließen, etwa die Körpersprache, Mimik und auch der Tonfall und haben so auch viel mehr Möglichkeiten die Intention von Anderen zu erkennen und deren Information ganzheitlich zu erfassen. 

„Ich kenne aber einen Allisten der überhaupt nicht mit Anderen zurecht kommt und eine Autistin die sich extrem gut mit Körpersprache auskennt.“

Natürlich. Es gibt immer Ausnahmen. Sobald wir Menschen uns irgendwie gruppieren, in Schubladen stecken, nach Fähigkeiten einteilen oder uns auf erste Eindrücke fixieren, dürfen wir immer wieder große Überraschungen erleben. 

Wir brauchen aber Schubladen, sie geben uns Orientierung. Erst durch Schubladen, die uns eine allgemeine Orientierung liefern können wir uns dann auch das Individuum einlassen, wenn wir bereit sind uns von der Schublade auch wieder zu lösen. 

Wenn ich nun eine Party gebe für 50 mir nicht Bekannte Gäste (was für eine stressige Vorstellung!) und meine Aufgabe als Gastgeberin darin sehe alle mit passendem Small-Talk willkommen zu heißen, dann hilft mir folgende Annahme: Im Allgemeinen interessieren sich Frauen mehr für Mode und Männer mehr für Sport. 

Dieses Wissen hilft mir um mit mind. 70 % der Anwesenden mal schnell eine Konversation zu starten. Klar kann ich dann auf einen Modeversierten Mann treffen, mich von meiner Schublade verabschieden und ihm ein Kompliment für sein Outfit machen.

Und so hilft mir persönlich auch die Unterscheidung zwischen Autisten und Allisten.