Behandeln oder liebevoll Akzeptieren?

 

Wer in Sachen Autismus recherchiert – zumeist Mütter betroffener Kinder, wie auch Isabella – sieht sich mit drei verschiedenen Grundpositionen konfrontiert.

  1. Autismus ist nicht heilbar, nicht therapierbar und muss einfach hingenommen werden
  2. Wir haben eine Lösung, wir können Autismus heilen, therapieren, lindern und zwar so..
  3. Autismus darf garnicht erst behandelt werden, schließlich wäre das ja ein Nicht-Akzeptieren des autistischen Menschen.

Die Widersprüche verunsichern. Die Debatten werden auch nicht sachlich geführt, ganz im Gegenteil: Es werden Äpfel mit Birnen beworfen (anstatt zu vergleichen), es werden Lanzen für die Akzeptanz zu gebrochen, da liest man Wünsche nach mehr Verständnis für die Bedürfnisse der autistischen Menschen, ohne dass näher darauf eingegangen wird, wer sich von wem wofür mehr Verständnis wünscht.

Isabella möchte als Mutter nichts falsch machen und geht mit großer Reflexionbereitschaft und Entschlossenheit daran nun mit der Diagnose Autismus ihres kleinen Jungen Bernhard richtig umzugehen. Ihre Intuition als Mutter wird auf eine harte Probe gestellt. Während sie noch überlegt, ob sie vielleicht in den letzten Jahren einfach nur nicht genügend Verständnis für Bernhard aufgebracht hat, stolpert sie über einen Artikel mit der reisserischen Headline ‚Bloß nicht zu nett sein‘ 1 und muss nun befürchten, dass es ihr zu großes Verständnis war, das seiner Entwicklung letztlich im Wege stand.

Fördern? Verstehen? Dressieren? Akzeptieren? Wohin soll der Weg gehen? Was machen wir nun mit der Diagnose, die im Ersten Moment so verheißungsvoll eine Erklärung für alle Schwierigkeiten und Missverständnisse der letzten Jahre gab und gleichzeitig ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft sein sollte, weil man ja jetzt auch weiß, was richtigerweise zu tun ist. Und dann dieses Durcheinander an Meinungen und Richtungen.

Isabella braucht ein paar Tage um sich wieder zu sammeln und schreibt schließlich folgende Worte in ihr Tagebuch:

Ist es nicht vielmehr meine Aufgabe als Mutter mein Kind – ob mit oder ohne Autismus – so gut wie möglich auf das selbstverantwortliche Leben vorzubereiten, indem ich es liebevoll nähre und lehre, indem ich ihm Unterstützung gebe und es Herausforderungen meistern lasse, indem ich da bin, aber ihm nicht jeden Wunsch von den Augen ablese, indem ich mich mit seinen Interessen auseinandersetze, ihm aber auch Dinge näherbringe, die es noch nicht kennt oder die es noch nicht kann.

Ist es auf der körperlichen Ebene nicht auch meine Aufgabe als Mutter es zu pflegen und ihm Sauberkeit ebenso beizubringen, wie es wenn es krank ist angemessen mit gesundheitsfördernden Dingen zu versorgen.

Manchmal ist das Akzeptieren der einfachere, aber nicht der liebevollere und verantwortungsvollere Weg. Ich werde mein Kind annehmen wie es ist, werde nicht an ihm zerren, es nicht dressieren und nicht zulassen, dass andere das tun – aber ich werde ihm jede Unterstützung die es braucht zuteil werden lassen um seine Entwicklung zu unterstützen, damit es sein Potenzial entfalten kann.

Ich werde jedes einzelne Symptom unter dem mein Kind leidet unter die Lupe nehmen und nach Lösungen und Unterstützung suchen, die es ihm und uns einfacher machen den Alltag damit zu bewältigen, sich in dieser Welt zurecht zu finden und möglichst ohne Leid durch dieses Leben zu gehen.

Natürlich kann ich akzeptieren, dass er beispielsweise meine Perspektive nicht einnehmen kann und nicht weiß, wie er ein Blatt Papier halten muss, damit ich die Vorderseite sehen kann. Trotzdem werde ich es ihm immer wieder zeigen, wie er es halten muss, damit ich die Seite auch sehe. Ich sage es freundlich, ohne Vorwurf und einfach nur als reine Hilfestellung. Das darf ich – ich bin seine Mutter – und ich bin auch diejenige, die ihm 300 mal am Tag die Frage beantwortet, wie denn der Nachbarhund heißt. Da ist es schon drinnen, dass ich ihm im Gegenzug 10 mal am Tag sage, dass ich es nicht sehen kann, wenn er das Papier nicht zu mir her dreht.

Und diese Grundhaltung, die Isabella für sich entdeckt hat, gilt für diese website. Es gilt: Jede Behandlung, jede Förderung, die sich einzelner Symptome widmet, ohne den fragwürdigen Anspruch zu haben Autismus ganz heilen zu können, ohne die Würde des betroffenen Kindes zu verletzen darf liebevoll angenommen werden.