Warum ist unser Kind so anders?

Isabella und Sebastian sind junge Eltern eines jungen Mannes – Bernhard ist ihr zweieinhalb Sohn und der beschäftigt die beiden ganz schön intensiv. Natürlich ist es für alle Eltern eine große Aufgabe sich auf die neue Rolle einzustellen, sich in dem neuen Lebensabschnitt gut zurecht zu finden, langsam den eigenen Stil und die eigenen Kinder kennen zu lernen und schließlich immer mehr als Familie zusammen zu wachsen. 

Und doch… irgendwie scheint es für Isabella und Sebastian ein kleines bisschen schwieriger zu sein, als in den befreundeten Familien. Isabella leidet sehr darunter, dass es ihr einfach nicht so recht gelingt mit Bernhard im Austausch zu sein, mit ihm zu plaudern, ihm die Welt zu zeigen, mit ihm zu kuscheln, mit ihm irgendetwas anderes zu tun, als kleine Kreisel zu drehen, oder Ventilatoren auf- und abzudrehen… alles ist irgendwie anders.

Bernhard spricht noch nicht, er interessiert sich weder für Bücher, noch für Spiele, keine Puzzles, keine Malbücher, keine Fingerspiele und keine Ausflüge. Er lacht kaum und er reagiert nur selten auf seinen Namen. 

In den ersten eineinhalb Jahren, war Isabella noch halbwegs sattelfest. Sie war Mama eines sehr entspannten Kindes, konnte mit ihm relativ viel ganz gut schaffen und hatte scheinbar weniger Stress als die anderen Mamas, deren Kinder irgendwie fordernder waren. Bernhard war eigentlich stundenlang zufrieden, ohne viel Unterhaltung oder Spielzeug. Sie fand das sehr schön damals. Dann hat er begonnen zu sprechen. Nun ja, lautieren trifft es eher. Aber immer hin es gab ein paar Wörter, die sie zuordnen konnte – nur sie und nur einige wenige. 

Und dann: dann kam eine Phase des „großen Vergessens“ wie Isabella das heute benennt. Bernhard schien sich an kein Wort mehr zu erinnern, immer weniger erreichbar zu sein und schließlich einfach nicht mehr in Interaktion zu sein. Seit er selbst die Kreisel drehen konnte, schien er kein Bedürfnis mehr zu haben, mit dem er sich von selbst an sie wandte. 

Bei Freunden allerdings strahlte er diese Ruhe nicht aus. Wo auch immer sie zu Besuch waren, niemand kam mit seiner Hyperaktivität zurecht. Er kletterte überall hinauf, schien furchtbar schlecht erzogen, ließ sich nichts verbieten, ja reagierte nicht einmal irgendwie auf ein „Nein“ oder seinen Namen. 

Das naheliegendste für die jungen Eltern war eine Beeinträchtigung des Gehörs. Sie konsultierten also einen HNO-Arzt, der dafür bekannt war mit Kindern gut zurecht zu kommen. Mit Kinder dürfte dieser Arzt zwar auch gut zurecht kommen – mit Bernhard allerdings weniger. Der wollte sich nicht mal annähernd untersuchen lassen und wehrte sich gegen jede noch so kleine Berührung, bis er schließlich nur noch wie am Spieß schrie. 

Die Ratlosigkeit der Eltern wurde von dem nachdenklichen Kopfschütteln des Arztes nur noch verstärkt. „Ich denke er hört gut, jedenfalls ist er meines Erachtens nicht schwerhörig. Auch wenn er eigentlich nicht mitgemacht hat, so schien er doch auf recht leise Geräusche schon zu reagieren. Haben Sie das Vogelgezwitscher draußen wahrgenommen? Bernhard hat sich sofort zum Fenster gewandt, jedes mal.“

Was ist es dann? Warum ist er so anders? Warum ist alles so schwierig mit ihm?

Bernhard ist auch ein sehr spezieller Esser. Isabella hat sich große Mühe gegeben mit dem Einführen der Beikost und ihm selbst Brei zubereitet. Bernhard wollte ihn nicht. „Ja, manche Kinder brauchen ein bisschen, bis sie sich daran gewöhnen.“ meinte der Kinderarzt. Bernhard verweigert bis heute jede Nahrung die nicht von einer festen Konsistenz ist. 

Er verweigert aber auch alles was zu trocken, alles was grün ist, alles was vermischt ist und … naja, im Grunde lässt es sich zusammenfassen in: Bernhard isst Käsetoast und Nudeln. Jeden Tag. Selten mal akzeptiert er Bananen – aber nur in einem ganz bestimmten Reifestadium. Isabella ist mittlerweile Expertin beim Einschätzen der Qualität von Bananen und liefert äußerst zuverlässige Vorhersagen bezüglich des möglichen Tages an dem diese eben gekauften Bananen für ihren Bernhard zum Verzehrt akzeptiert werden. 

Isabella hat natürlich schon einen leisen Verdacht. Ganz leise. Aber noch ist er zu leise und will auch gar nicht so recht gehört werden. Vielleicht ist alles nur ein Spleen, eine Phase, eine ganz leichte Verzögerung, die er dann mit Bravour aufholen wird

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