Welche Schule ist die Beste für unser Kind?

 

Diese Frage stellen sich Isabella und Sebastian schon seit Monaten. 

Derzeit besucht ihr gemeinsamer autistischer Sohn Bernhard den Kindergarten und hat noch ein ganzes Jahr vor sich – sein letztes Kindergartenjahr.

In den letzten beiden Jahren hat Bernhard große Fortschritte gemacht. Er spricht mittlerweile, auch dialogisch und verständlich, wenn auch nicht in dem Maß wie Gleichaltrige.

Es zeigt sich, dass er einige Defizite und spezielle Herausforderungen hat, die es fast unmöglich erscheinen lassen, dass er überhaupt je in eine Schule wird gehen können, etwa weil er das System Schule, die Anforderungen an ihn und die gesamte Situation vermutlich gar nicht verstehen würde. Das wäre aber sehr schade, weil man auch bemerkt, dass Rechnen ihm so einfach von der Hand geht, als ob er schon längst ein Schulkind wäre. 

Sozial hat er große Schwierigkeiten und kann mit den anderen Kindern meist nicht viel anfangen, aber trotzdem scheint es so, als ob er von ihnen ein bisschen was abgeschaut hätte. Gruppenaktivitäten fallen ihm auch sehr schwer. Es war für ihn und die Pädagogin eine große Herausforderung ihn beim Morgenkreis, oder beim gemeinsamen singen in die Gruppe integrieren zu können – jetzt holt er schon gerne seinen Sitzpolster und freut sich offensichtlich wenn gesungen wird. Den Blick wendet er ab, mit der Stimme ist er aber voll Freude dabei. 

Gut eingebettet in seine Kindergartengruppe wirkt er mittlerweile – für seine Verhältnisse – recht zufrieden.

Aber wie gehts weiter?

Seit 1993 haben Eltern die Wahlfreiheit über den Schulbesuch ihrer Kinder. Mit großer Ratlosigkeit und vielen Fragezeichen beginnen sie die Möglichkeiten für ihren Sohn durchzudenken. Sonderschule? Volksschule? Privatschule? Schule für Autisten? Heimunterricht? Privatlehrer? 

Privatschule und Privatlehrer kommen aus Kostengründen nicht in Frage, die Schule für Autisten zählt leider auch zu den privaten Schulen, fällt also ebenfalls aus. Heimunterricht geht weit über die Ressourcen, die Isabella bieten kann. Mittlerweile hat Bernhard auch ein kleines Schwesterchen, mit dem er sich nachmittags seine Mama teilen muss und seit kurzem ist Isabella auch vormittags berufstätig für 16 Stunden pro Woche.

Nun, es geht um die Entscheidung zwischen Volksschule und Sonderschule. Keines davon können sich die Eltern so richtig vorstellen, also versuchen sie es mit einer Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile. 

Volksschule

 

Vorteile

  • Die Schule befindet sich direkt im Ort.
  • Die Kinder aus dem Kindergarten wären schon bekannt und mit dabei.
  • Die Vorbilder wären sozial und geistig gesunde Kinder.
  • Langfristig wäre die Inklusion in der Gemeinde viel selbstverständlicher, wenn er in der Schule auch schon immer dabei war.
  • Die Entwicklung im Sozialverhalten wird viel selbstverständlicher gefördert, da er eben nicht unauffällig unter auffälligen Kindern ist, sondern das auffällige Kind, dem man so eher dabei hilft es richtig zu machen.

Nachteile

  • Nicht alle Eltern aus der Umgebung sind offen für eine Inklusionsklasse – die Angst, das eigene Kind wäre dadurch benachteiligt ist sehr groß – es wird sicher Gegenwind geben
  • die Flexibilität ist nicht sehr groß, die Regeln und Zeitabläufe sind rigider.
  • für die meisten Lehrer*innen ist Autismus höchstewahrscheinlich absolutes Neuland
  • er könnte von den anderen Kinder gemobbt werden

Sonderschule

 

Vorteile

  • Die Klassengröße ist sehr klein.
  • Es gibt die Möglichkeit sich ganz auf sein Lernniveau einzustellen.
  • Die Stundeneinteilung und die Abläufe sind viel flexibler. 
  • Lehrer haben Vorkenntnisse und Erfahrungen mit Autismus.
  • Er ist nicht ein auffälliges Kind unter unaufälligen, sondern eines, das wie alle anderen eben auch,  einfach nur speziell ist.

Nachteile

  • Die Kindern wären sehr schwierige soziale Vorbilder – da viele von ihnen aus schwierigen familiären Verhältnissen kommen und manche auch zu Gewalt neigen.
  • Auch geistig schwer beeinträchtige Kinder als alleinige Sozialkontakte können ihn in seiner sozialen Entwicklung nicht unterstützen.
  • Der Begriff Sonderschule fühlt sich an sich schon wie ein Stigmata an.
  • Räumlich wäre der Schulbesuch mit einer längeren Autofahrt verbunden und würde zusätzlichen Stress bedeuten.

Die Entscheidung muss einerseits gut bedacht sein und darf andererseits nicht auf die lange Bank geschoben werden, da vor allem der Weg zur Inklusionsklasse einiges an Vorlaufzeit und Vorbereitungszeit benötigt.

 

Die Vorgespräche mit den jeweiligen Direktoren sind relativ ernüchternd. Während die Volksschuldirektorin vor allem darauf pocht, dass dieses Kind keinesfalls schulreif ist, ist die Sonderschuldirektorin zwar grundsätzlich bereit Bernhard bei ihr einzuschulen, aber auch ehrlich genug um auf mögliche Schwierigkeiten hinzuweisen, die die Konstellation zwischen einem rastlosen Autisten und Kindern mit sozio-emoitionalen Schwierigkeiten und entsprechend ungünstigen Problemlösungs-Strategien, hin.

 

Letztlich – das wird schnell klar, kann man in der Pausensituation nicht immer für seinen vollen Schutz sorgen, zu sehr brauchen da auch andere Kinder intensive Aufmerksamkeit und schnell könnte ein Konflikt übersehen werden.

 

Bernhard findet nämlich vor allem extreme Gesichtsausdrücke spannend, also herzliches Lachen und Wut und Zorn. Dementsprechend kann es schon vorkommen, dass er sich besonders bemüht eines davon auszulösen.

 

Wut zeigt sich da als der verlässlichere Partner. Wenn Bernhard mal jemanden von sich aus zornig gesehen hat, dann weiß er, dass dieser Mensch das kann (ist ja nicht selbstverständlich) und findet überraschend schnell heraus, wie es ihm gelingt, diesen Zorn auf das Gesicht zu zaubern.  Leider ist ihm überhaupt nicht klar ist, dass eine bewusste Provokation, gewaltbereiter Mitschüler*innen ihn in große Gefahr bringt.                                                                                                                                                                                                                                                                                                           

 

Die Entscheidung fällt schließlich für den Besuch der Volksschule.

 

Dieser Weg ist für die meisten anderen Kinder vorgezeichnet und klar: Im Jänner einschreiben, im Sommer die Ferien genießen und dann im Herbst voll stolz zum ersten mal ein richtiges Schulkind sein.  Anders ist die Situation für autistische Kinder. Hier müssen die Rahmenbedingungen erst mal geschaffen werden.

 

An sich hat jedes Kind – auch jedes beeinträchtigte Kind – das Recht die normale Volksschule zu besuchen, dazu hat sich Österreich 2008 mit dem Ratifizieren der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet. Und neben dieser wunderschönen Theorie gibts dann auch noch die Praxis, die Eltern, Schüler*innen und Lehrer*innen anstrengende Pionierarbeit abverlangt.

 

Nachteilsausgleich beantragen,  Rahmenbedingungen vermitteln, das Recht auf eine Stützkraft und je nach Diagnose und  Anzahl der zu integrierenden Kinder auch eine zusätzliche Sonderpädagogin anfordern, Fortbildungen für die betreffenden Lehrer*innen finden… nichts davon läuft von selbst oder wie geschmiert.

 

Die Zeiten sind ungünstig. Ein akuter Lehrermangel und politische Tendenzen, die im Jahr 2019, – also genau ein Jahr vor dem vereinbarten vollständigen Umsetzen der UN-Behindertenrechtskonvention – in die entgegengesetzte Richtung gehen, machen wenig Hoffnung auf inklusive Beschulung.

 

Es weht ein rauer Gegenwind, das unterstreicht auch der bezeichnende Titel einer Podiumsdiskussion ‚Schulische Inklusion in schwierigen Zeiten‘ Mitte Jänner 2019. 

 

Die gute Nachricht: Es sind auch diesmal wieder engagierte Eltern die richtungsweisend wirken können – wie schon damals 1993 als es darum ging die erste Integrationsklasse in Österreich zu schaffen. Darin sind sich Experten  einig.

 

Es braucht Widerstand und der wird auch geleistet – nicht nur von Eltern – sondern auch und vor allem von vielen engagierten Menschen aus dem Bildungsbereich, Organisationen die sich für Inklusion und die Recht von Kindern einsetzen.

 

Die zweite gute Nachricht. Lehrer*innen die derzeit ausgebildet werden, müssen das Rad nicht mehr neu erfinden – im Curriculum ist Inklusion ein wichtiges Thema, an dem nicht vorbeistudiert werden kann.

 

Aber wieder zurück zu Isabella und Sebastian mit ihrem autistischen Sohn Bernhard. Sie stehen noch ganz am Anfang und müssen sich überhaupt erst orientieren und die Möglichkeiten, Fristen, Zuständigkeiten Schritt für Schritt herausfinden. Eine Anleitung im direkten Sinn steht ihnen nicht zur Verfügung.

 

Trotz der UN-Konvention – also dem ausdrücklichen Recht des Kindes auf inklusive Beschulung,  ist der erste Schritt mal eine Runde um die Bereitschaften zu klären, nicht jede Schule ist bereit sich auf Inklusion einzulassen, nicht jede Gemeinde übernimmt mit dem gebotenen Selbstverständnis die Kosten für eine Stützkraft/Schulbegleitung und eine zusätzliche Lehrerin, die unter gewissen Voraussetzungen notwendig ist, wird durch Ressourcenknappheit auch trotz offensichtlichem Bedarf nicht unbedingt eingesetzt.

 

Idealerweise zeigen alle Beteiligten Bereitschaft und es kommt zu einem sogenannten Übergangsgespräch im Kindergarten, wo die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für die Einschulung an einem großen runden Tisch geklärt werden.

 

‚Bereitschaft‘ darf hier nicht mit ‚Bereitschaft‘ verwechselt werden.

 

Während alle anderen Erstklässler mit mindestens 20 Wochenstunden ihre Schulkarriere starten, kann es durchaus vorkommen, dass autistischen Kindern hier ein Sondermodell mit weniger Stunden angeboten wird – denn auch wenn nur 3 Wochenstunden Schulbesuch für das Kind drinnen sind, können sich alle Zuständigen gegenseitig auf die Schulter klopfen und sich großartige Bereitschaft an die Fahnen heften.

 

Natürlich, für viele autistische Kinder sind 20 Wochenstunden ein enorme Herausforderung und gerade anfangs nur schwer zu bewältigen. Die Einschätzung wie viele Stunden für das eigene Kind passend sind, sollte aber auch bei den Eltern liegen, nicht bei den Stellen, die in erster Linie möglichst ressourcenschonend handeln wollen.

 

Nur 8 Wochenstunden statt 20 anzubieten, schont das Budget der Gemeinde und auch die personellen Ressourcen der Schule – aber hier zu sparen ist eine völlige Verkennung der Situation und entwertet das autistische Kind.

 

Genau diese Situation müssen auch Bernhards Eltern erleben. 8 Wochenstunden statt 20 würde bedeuten, dass Isabella ab jetzt auf ihr Einkommen verzichten muss und kündigen anstatt wie geplant endlich ein bisschen aufzustocken.

 

Hier wird ein doppeltes Risiko entfacht: 1. Bekommt das autistische Kind nicht die Chance auf eine inklusive Schullauffbahn die ihm gesetzlich zusteht und 2. steigt nun das Risiko der Familie in die Armutsfalle zu geraten, da nun bis auf weiteres ein Einkommen ausfällt.

 

Dieses Argument ändert leider nichts an den Positionen der Gemeinde und der Schule, schließlich könnten sie ja… „ihren Sohn gerne in der Sonderschule einschulen, wenn Ihnen 8 Stunden zu wenig sind um beruflich tätig zu sein, das wäre weniger kompliziert und schließlich sind Sonderschulen ja auch der geeignetere Platz für ‚solche‘ Kinder.“

 

Isabella und Sebastian wenden sich an eine Organisation die sich für die Rechte von Kindern mit Behinderungen und chronischen Krankheiten einsetzt. Die plötzliche Präsenz dieses engagierten Vereins scheint dann doch noch mal eine Neubewertung der Situation zuzulassen und – siehe da. 20 Stunden sind nun doch möglich – von allen Seiten!

 

Isabella und Sebastian erleben dies mit gemischten Gefühlen. Natürlich sind sie voller Freude und Dankbarkeit, wo doch alles an der Kippe stand, aber gleichzeitig auch wirklich schockiert, dass dieses Grundrecht auf Bildung und Wahlfreiheit ihrem Kind gekürzt, ja fast aberkannt werden sollte – einfach so.

 

Dieser Fallbericht darf hier Mut machen und aufzeigen, dass es hilfreich ist engagiert und selbstbewusst die Rechte der Kinder zu vertreten und sich gegebenenfalls dabei auch Unterstützung zu holen. Er zeigt aber eben auch auf, dass es noch viel Arbeit braucht, auch als Bewusstseinsbildung dahingehend, dass die Sonderschule für Autisten keinesfalls automatisch der besser Bildungsweg sein muss.

 

Mit den richtigen Rahmenbedingungen können unerwartet viele Autisten wunderbar in Regelschulen inklusiv beschult werden, enorm von gesunden sozialen Vorbildern profitieren und mit achtsamer Begleitung nachlernen, was sie in der ersten sozialen Entwicklungsstufe noch nicht erfassen konnten.

 

Was sind denn nun die richtigen Rahmenbedingungen? Gibts da Vorgaben? Gibts da Richtlinien und Qualitätsstandards?

 

Ja, die gibt es.  Sie scheinen sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben, darum möchte ich sie hier etwas gerafft wiedergeben.

 

Richtlinien für die Umsetzung und das Monitoring von Qualitätsstandards im inklusiven Unterricht von Schüler/innen mit Behinderung

Ziel ist: „das größtmögliche Ausmaß an Förderung zur Entwicklung ihrer individuellen Fähigkeiten und Voraussetzungen erfahren, und ein Maximum an Integrationschancen in die soziale Umwelt und in die Gesellschaft erhalten.“ Diesem Ziel ist die Unterrichtsgestaltung und auch die Schule anzupassen – und nicht umgekehrt.

Standards auf Klassenebene

  1. Standards zur Sicherstellung der sozialen Kontinuität
  2. Standards zur Umsetzung des Prinzips der Heterogenität
  3. Qualifizierte sonderpädagogische Förderung
  4. Individuelle Förderung

 

ad 1)

  • Klassenvorstand sollte mindestens eine halbe Lehrverpflichtung im inklusiven Setting unterrichten – evtl. wird dafür Sonderpädagog*in als Klassenvorstand eingesetzt
  • Lehrerteam möglichst klein halten – dafür ist auch fachfremder Unterricht zu tolerieren (!), nur eine Sonderpädagogin, nicht splitten.
  • Grundkenntnisse integrativer Teamarbeit und inklusive Haltung bei den Lehrer*innen ist unbedingt notwendig

 

ad2)

  • KEINE Überrepräsentation von Schüler*innen mit sozio-emotionalen Schwierigkeiten, Sprachdefiziten in der Unterrichtssprache oder Lernproblemen

 

ad3)

  •  eine (!) Lehrerin bzw. ein Lehrer mit Spezialisierung in Sonder- und/oder inklusiver Pädagogik unterrichtet mit einem für die Situation notwendigen Ausmaß an Unterrichtsstunden
  • zusätzlich eingesetzte Lehrer*innen sollen über eine adäquat Zusatzausbildung und/oder Bereitschaft zu begleitenden Fortbildung verfügen!
  • sonderpädagogische Ressourcen sollen angemessen auf die Wochentage aufgeteilt werden und nicht auf wenige Tage komprimiert.

 

ad4) 

  • und zwar nach 2009 festgelegten Standards (

    )

Standards auf Schulebene

  • Förderung der Schüler*innen mit Behinderung wird in das standortspezifische Förderkonzept explizit mit einbezogen.
  • Förderkonzept st für alle Lehrkräfte verbindlich und wird laufend evaluiert
  • Sonderpädagogische Ressourcen sind am Standort so zu bündeln, dass damit die maximale Wirksamkeit erzielt werden kann. 

Standards auf regionaler Ebene

  1. Standards für die Zuteilung von Ressourcen
  2. Standards für die Überprüfung der Qualität der Praxis an Inklusionsstandorten

 

 ad1)

  • Bedarfsgerechte, transparente, nachvollziehbare und die Erfordernisse der einzelnen Inklusionsstandorte berücksichtigende Zuteilung von Ressourcen durch die regionale Schulaufsicht
  • Im Primarbereich (Volksschule) ist der wohnortnahen Inklusion der Vorzug zu geben zum Zwecke der sozialen Einbindung.

 

ad2)

  • Regelmäßige externe Überprüfung durch regionales Schulaufsicht im Zusammenwiken mit einem Expert*innen-Team  z.B. dem Zentrum für Inklusiv- und Sonderpädagogik (ZIS)
  • Jährlicher Bericht zur Qualitätsentwicklung sonderpädagogischer Förderung in der Region unter besonderer Berücksichtigung der Einhaltung der Qualitätsstandards für die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Bedürfnissen

In diesem Zusammenhang ist jedoch zu beachten, dass im Einzelfall nicht immer alle angeführten Standards eingehalten werden können, da sonst unter Umständen den individuellen Verhältnissen am Einzelstandort, die oft auch situationsspezifische Lösungen erfordern, nicht entsprochen werden kann.

Es handelt sich bei den Standards also um Soll-Bestimmungen, deren Nichteinhaltung aber der Rechtfertigung bedarf und eine Pflicht zur Rechenschaftslegung impliziert.

 

Quelle: https://bildung.bmbwf.gv.at/ministerium/rs/2015_17_beilage.pdf?6cczm3

Wer es gerne genauer hat und sich selbst mit den Quelltexten befassen möchte, findet hier die beiden Dokumente im .pdf Format. Für den Vollbildmodus einfach drauf klicken.

Neben diesen ‚Richtlinien für die Umsetzung und das Monitoring von Qualitätsstandards im inklusiven Unterricht von Schüler*innen mit Behinderung‘ ([efn_note]https://bildung.bmbwf.gv.at/ministerium/rs/2015_17_beilage.pdf?6cczm3[/efn_note]) gibt es auch noch zusätzliche Faktoren die für autistische Schüler*innen eine sehr wichtige Rollen spielen. Sie werden im Nachteilsausgleich berücksichtigt. 

Nachteilsausgleich für autistische Schüler*innen

Niemand darf wegen seiner/ihrer Behinderung benachteiligt werden.

Stattdessen müssen differenzierte organisatorische und methodische Angebote helfen die Behinderung angemessen zu berücksichtigen. 

Die fachlichen Anforderungen müssen sich am jeweiligen Bildungsweg (Lehrplan ???) orientieren und dürfen nicht geringer bemessen werden. 

Der Nachteilsausgleich ist auch ohne sonderpädagogischen Förderbedarf zu gewähren, sobald die Diagnose ASS vorliegt. 

Im Zeugnis darf der Nachteilsausgleich nicht aufscheinen. 

Art und Umfang des Nachteilsausgleiches wird von der Schulleitung festgelegt – basierend auf einem ärztlichen oder pschologischen Attest, das Art der Behinderung und die zu erwartenden Auswirkungen auf das schulisches Leistungspotenzial beschreiben.

Beispiele für einen Nachteilsausgleich für Autisten

  • Leistungskontrolle schriftlich – nicht mündlich
  • spezielle Arbeitsmittel (Laptop, PC, Diktiergerät) bereitstellen / zulassen
  • Arbeitsplatz individuell, reizreduziert gestalten
  • Strukturierungshilfen anbieten, die bei der Selbstorganisation helfen (link zur schlauen Box)
  • Aufgabenstellungen visualisiert aufgearbeitet anbieten (TEACCH)
  • Verzicht auf Arbeitsformen, die soziale Interaktion erfordern (Gruppenarbeit etc.)

eine umfangreichere, wenn auch längst natürlich nicht vollständige Auflistung der möglichen Wege einen Nachteilsausgleich zu gewähren findet sich in meinem Leitfaden. 

 

Da ist jetzt autismus.de die Quelle – also größtmögliche Achtsamkeit beim Zitieren und korrekt wiedergeben.

Nachfolgend daher einige nur exemplarische Beispiele zur Umsetzung von Nachteilsausgleichen (siehe dazu auch die Stellungnahme des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V. unter www.autismus.de):

Unterrichts- und Schulorganisation:

– Schriftliche Leistungen anstelle mündlicher

– Bereitstellen/Zulassen spezieller Arbeitsmittel, z.B.: Laptop, PC, Kassetten-recorder,

Diktiergerät)

Individuelle Arbeitsplatzorganisation (z.B. Reizreduzierung):

– Hilfen zur Selbstorganisation (Strukturierungshilfen)

– Visualisierung von Aufgabenstellungen

– Verzicht auf soziale Arbeitsformen (Partner-, Gruppenarbeit)

– Verzicht auf Mitschriften (z.B. von der Tafel)

– Separater Raum für Klassenarbeiten

– Zeitzugaben bei Klassenarbeiten

– Modifizierung der Hausaufgaben

– Individuelle Pausengestaltung (z.B. Verweilen in Ruhezimmer /Bibliothek zwecks

Rückzug) –Teilnahme an Schulveranstaltungen auf freiwilliger Basis Unterrichtsfächer:

Sprache, Aufsatzerziehung, Literaturstudium:

– Alternativ Nacherzählungen akzeptieren unter Gebrauch von Strukturierungshilfen

(Bsp.: Gliederungspunkte vorgeben, incl. Umfang und Zeitangaben)

– Erläuterungen zur Aufgabenstellung

– Inhaltsangaben, Beschreibungen

– Strukturierungshilfen, eindeutige Aufgabenstellung, mehr Zeit Interpretation, Lyrik,

Texte mit sozialen Implikationen (Problem: mangelndes Vorstellungsvermögen, Nichterfassen von Bedeutungszusammenhängen)

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– Metaphern vermeiden bzw. Wörterbuch bereitstellen

– Alternative Themen aus Erlebnisbereich des Betroffenen wählen

– Bewertung bezieht sich auf die erkennbare Logik

– Alternativ zu Textarbeit in der Lyrik z.B. Referat über Texthistorie

– Das Schriftbild darf grundsätzlich keine Bewertung erfahren.

Fremdsprachen

– Beispiele aus dem Bereich Sprache sind übertragbar.

Naturwissenschaften / Gesellschaftskunde:

– Gleiche Maßstäbe wie für den sprachlichen Bereich

– Faktenwissen (Funktionsbeschreibungen, Sachtexte) ersetzt Themen mit emotionalen

und sozialen Anteilen.

Mathematik:

– Größere Exaktheitstoleranz in Geometrie

– Unterschiedliche Strukturierungshilfen bei unterschiedlichen Aufgabentypen

– Textaufgaben ohne sozialen Kontext

– Akzeptanz individueller Rechenwege, sofern diese zum richtigen Ergebnis führen

Musischer Bereich:

Musik:

– Schriftliche Leistungen anstelle mündlicher

Kunst:

– Konkrete Aufgabenstellungen anstelle freier Themenstellungen

– „Zeichnen“ anstelle von „malen“

Sport:

– Individualsportarten anstelle von Mannschaftsspielen bewerten

– Keine Bewertung motorischer Leistungen

– Ggf. Aussetzen der Bewertung

Prüfungen:

– Schriftliche Prüfungen ersatzweise zu mündlichen Prüfungen

– Mehrere Prüfungsaufgaben sukzessiv vorlegen

– Separaten Raum bereitstellen

– Gewährung von Auszeiten bzw. Unterbrechungen

– Verzicht auf die Teilnahme an Gruppenprüfungen

– Sprache: Umformulierung von schriftlichen Fragen/Texten, die Metaphern enthalten

– Mathematik: Textaufgaben vorlesen, etwaige unklare Begriffe austauschen/erklären

•Verzicht auf soziale Arbeitsformen (PA-. Gruppenarbeit)

•Separater Raum für Schularbeiten

•Zeitzugaben bei Schularbeiten

•Weitere Beispiele für Möglichkeiten eines Nachteilsausgleichs in den einzelnen Unterrichtsgegenständen: Deutsch, Fremdsprachen Mathematik, Musikerziehung/Bildnerische Erziehung/Bewegung und Sport sowie Prüfungssituationen unter www.autismus.de

Zurück zu Isabella und Sebastian und nun auch vor allem zu ihrem kleinen Schulanfänger Sebastian.

Nach mehrmonatiger Vorbereitung und vielen intensiven Gesprächen mit allen Beteiligten findet Bernhard nun eine großartige Schul-Situation vor. Er hat zwei Plätze in der Klasse – einen reizreduzierten Arbeitsplatz hinten in der Klasse und einen anderen weiter vorne, wo er am Klassenunterricht mittendrin teilnehmen kann – mit diesen beiden Wahlmöglichkeiten kommt er gut zurecht.

Die Wand ziert eine groß gehaltenen Strukturhilfe , die anzeigt, was in den nächsten Stunden alles auf Bernhard einwirken wird (Schulfächer, Aufgaben und Tätigkeiten) und auch was schon alles erledigt ist.

Die Lehrerin hat sich intensiv mit Autismus auseinander gesetzt und auch die Schule wurde in einigen Bereichen noch adaptiert. Die Unterrichtsräume, die mit der Klasse aufgesucht werden sind mit visuellen Hinweisschildern gekennzeichnet, die Gardarobe hat eine visuelle Strukturhilfe für den Ablauf des Anziehens und Ausziehens.

Bernhard darf außerdem seine Lehrerin schon in den Ferien kennen lernen. Dieses zusätzliche Engagement der Lehrerin wird ihm sehr dabei helfen sich in der ersten Schulwoche schon ein kleines bisschen sicherer zu fühlen, da diese Stimme ihm schon vertraut ist. Bis er sich auch das Gesicht merken kann, werden aufgrund Bernhards Gesichtsblindheit wohl noch einige Monate vergehen – darum hätte in diesem speziellen Fall eine Vorbereitung nur mit Foto nicht ausgereicht , seine Lehrerin musste er visuell und auditiv kennen lernen.

Bernhard hat es geschafft und seine Eltern haben es geschafft. Er geht in die erste Klasse einer Schule, die letztlich für ihn die Beste Schule ist, da sie ihm Rahmenbedingungen bieten kann, die ihm am Besten gerecht werden.