Was ist Komm!ASS? 

Komm!ASS ist Interaktions- und Sprachanbahnung bei Autismus. Mithilfe von multimodaler Reizsetzung und im Hinblick auf die besondere Wahrnehmung soll es möglich werden die Umwelt und das Gegenüber im positiven Austausch zu erleben.

 Wie ist ungefähr der Ablauf einer Einheit?

Wir sind viel in Bewegung. Während oder zwischen den einzelnen Aufgaben ist das Trampolin oder die Schaukel ein wichtiger Anlaufpunkt. Dann bieten wir Eis, Massagen, Klangspiele und sonstiges an, damit das Kind die Begeisterung für diese Arbeit entdeckt. Wir begleiten unsere Aktivitäten/Spiele mit Geräuschen, Lauten und Worten. Mit Gesten, Mimik und Gebärden soll die Interaktion auf vielen Ebenen lebendig werden. Die Materialien dürfen glitzern, klingeln und positiv berühren und werden häufig erst im gemeinsamen Spiel nochmals interessanter. Das Kind lernt, dass es sich nicht vor seinem Gegenüber schützen muss, sondern dass ein Partner bereichert, dass er ergänzen, helfen, trösten und motivieren kann.

 Wie lange dauert eine Einheit?

Die Arbeit mit dem Kind dauert 45 Minuten, zuzüglich 15 Minuten Absprache mit den Eltern.

 Wie viele Einheiten pro Woche sind sinnvoll / gängige Praxis?

Die meisten Kinder kommen zweimal die Woche. Anfangs gerne 3x wöchentlich, später eher 1x pro Woche. Eventuell zuzüglich einer Minigruppe.

Kinder die zur Intensivtherapie kommen, da der Anfahrtsweg für ein regelmäßige Kommen zu weit ist, bekommen 2x täglich Therapie über 5 oder 10 Tage.

 Wo finden Einheiten statt? (in der Praxis, oder auch daheim?)

Vorwiegend hier im Autismuszentrum oder bei anderen Kollegen in der Praxis. Ein guter Austausch und auch Besuch mit der jeweiligen Einrichtung der Kinder ist sinnvoll, auch Besuche im häuslichen Umfeld können und sollen die Arbeit ergänzen.

 Wer bietet Komm!ASS an? Gibt es neben Dir auch noch andere zertifizierte TherapeutInnen? Wie sieht die Ausbildung aus?

Wir bieten Komm!ASS hier im Autismuszentrum an. Hier vor Ort, innerhalb eines gut abgestimmten und erfahrenen Teams ist die Arbeit besonders intensiv und erfolgsversprechend.

Ich gebe seit vielen Jahren Fortbildungen zu dem Konzept, bisher vorwiegend Logopäden. Die Fortbildung umfasst 16 Unterichtseinheiten im Grundkurs. Die Teilnehmer wenden die Hilfen und Ideen dann in ihrem Praxisalltag an.

Seit 2 Jahren gibt es auch einen Aufbau-Kurs in dem das Wissen nochmals vertieft werden kann, dabei werden auch Videos der Teilnehmer analysiert und deren Vorgehen spezifiziert.

Eine Prüfung oder Qualtitätskontrolle gibt es (noch) nicht, ist aber ein Wunsch für die Zukunft. Auch regelmäßige Supervisionsgruppen sind ein Ziel der weiteren Entwicklung.

Warum kann gerade Komm!ASS für mein Kind sinnvoll sein?  Was sind die spezifischen Zielsetzungen?

Die meisten Kinder zeigen uns in ihrem Alltag ganz deutlich ihre Bedürfnisse – teils in Form von Schlagen, Aufstampfen, Vor und Zurückwippen … Wir möchten Ihnen zeigen, dass wir sie sehen. Dass wir sie genau bei ihren Bedürfnissen abholen und dass wir ihnen hier ganz viel geben können. Ein Kind, welches zur Beruhigung ständig die Handflächen aneinanderschlägt und welches dann erlebt, dass sein Gegenüber ihm bei Freude, bei Angst oder Wut dort einen Impuls gibt, fühlt sich verstanden. Es spürt, dass der Therapeut ihm zuhört, ihm etwas Schönes geben möchte und erlebt so Interaktion neu.

Im Interview: Ulrike Funke

1. Erzähl mal kurz von dir, wer bist du? Was machst du gerne? Was macht dich aus?

Ich bin 47 Jahre alt, verheiratet und wohne an der Bergstraße bei Heidelberg. Ich liebe meinen Garten und liebe es dort in der Erde zu graben und die Blumen zu pflegen. Ich mache sehr gerne Ausdauersport, Laufen, Radfahren, Schwimmen …. um den Kopf wieder frei zu bekommen. Ich bin ein Energiebündel, habe viele kreative Ideen, zur Ruhe zu kommen und abzuwarten fällt mir manchesmal schwer.

 2. Wie bist du zum Thema Autismus gekommen?

Von Anfang an, in meinem logopädischen Berufsleben habe ich immer gerne mit den Kindern gearbeitet, die als „nicht therapierbar“ galten oder bei denen auch nach Jahren der Frühförderung keine Sprache angebahnt werden konnte. Es gab immer wieder Kinder mit Autismus darunter, aber oft waren sie „noch“ nicht diagnostiziert. Ich fand es spannend bei Kindern den Wunsch nach Interaktion zu wecken und je abweisender die Kinder im ersten Moment oft schienen um so schöner war es, wenn wir gemeinsam den Spaß am Austausch entdecken konnten.

 3. Wie bist du zu deiner Methode gekommen? Wie ist Komm!ASS entstanden?

Komm! steht für Kommunikation, aber auch für Komm her! Komm mit! Komm wir machen das (gemeinsam).

Nach mehreren Jahren Arbeit mit den Kindern mit Autismus und vielen Momenten lebendiger Interaktion wollte ich mehr wissen und besuchte umfassende Fortbildungen zu diesem Thema. Ich musste jedoch feststellen, dass sich meine Herangehensweise in vielen Einzelbereichen von anderen unterschied und dass ich trotz ähnlicher Beobachtungen zu anderen Schlüssen in der Therapie kam. Eine Kollegin wollte in einer kleinen Nachmittagsfortbildung etwas von mir wissen. Deshalb machte ich mich daran ein erstes Skript zu schreiben.

Mit der ersten Fortbildung zeigte sich, dass es nicht nur mein Gespür für diese Kinder ist, was meine Arbeit ausmacht, sondern, dass viele Einzelschritte sind, die ich bei diesen Veranstaltungen weitergeben konnte. Mit jedem Kind, mit jedem Fragezeichen wollte ich mehr wissen. Ich suchte nach Erklärungen und Lösungsmöglichkeiten. Und noch immer merke ich, wie wir dazulernen, das Wissen sich verbessert und das Konzept weiter wächst.

4. Was genau kann Komm!ASS für Kinder und Erwachsene mit Autismus bewirken?

Komm!ASS ist ein Therapieansatz welcher an der anderen/besonderen Wahrnehmung der Betroffenen ansetzt. Diese besondere Wahrnehmung ist die Ursache fast aller Verhaltensweisen. Erst wenn wir diese verstehen und darauf reagieren und entsprechende Hilfen anbieten, kann der Austausch und auch Lernen mit den Kindern gelingen.

Dabei zeigen uns die Kinder welche Reize/Impulse sie brauchen: Ein Kind welches mit den Händen ständig auf die Tischkante schlägt, liebt es an den Handflächen fest massiert zu werden. Kinder, die mit dem Kopf gegen eine Begrenzung schlagen, werden ganz ruhig, wenn wir ihnen feste Druckimpulse an Stirn und Nacken geben.

Die Wahrnehmungsbesonderheiten und die Sensibilität sollen durch eine vermehrte Aufmerksamkeit für diesen Bereich auf lange Sicht vermindert werden. Die Reizverarbeitung, besonders das zeitgleiche und zeitnahe Verarbeiten von Reizen soll durch gezieltes Kombinieren verbessert werden. Reize die gut tun und welche wichtig sind (entweder für die Regulation oder zum Erlernen von neuen Fähigkeiten) sollen zunehmend in den Fokus gelangen. Ablenkende Reize und Reize die zu einer Überforderung führen, sollen gezielt ausselektiert werden.

Eine verbesserte Interaktion ermöglicht den Kindern die Welt besser zu verstehen, eigene Bedürfnisse mitteilen zu können, sich trösten und beruhigen lassen und gemeinsam spannende Dinge zu erleben.

 5. Was ist das Besondere daran für dich (also was hebt diese Methode, deinen Zugang von anderen Methoden/Zugängen ab)?

Es geht um gezieltes „Hin-Führen“ zu den Reizen, die für die Kinder wichtig sind. Nicht Reizvermeidung, sondern gezieltes Hinzufügen von Reize, welche gut tun! Dies sind häufig Stimulationen welche die Basissinne der Kinder betreffen. Wenn die Kinder unruhig werden bekommen sie von ihrem Gegenüber einen Impuls, mit dem sie sich spüren können, der die Spannung in ihrem Körper reguliert, zum Beispiel: Gemeinsames Schaukeln, starke Massagen, Eissstimulation usw.. Die Kinder erleben, dass sie in Notsituationen einen Partner bekommen.

Zudem koppeln wir verschiedene Wahrnehmungsebenen, bringen Wechsel der Aufmerksamkeiten ein. Damit die Kinder sich in einem reizvollen Alltag zurechtfinden.

Um sie dabei nicht zu überfordern ist hier das Hinzufügen der körperlich positiv empfundenen Reize besonders wichtig. Die Reize werden stets nur in dem Maße und in der Kombination gekoppelt, dass sie die Situation genießen können. Wenn die Kinder ihre Umwelt und besonders Interaktion vielfältig und multimodal wahrnehmen ist auch das Knüpfen von Freundschaften, Lernen von neuen Tätigkeiten und der Übertrag auf weitere Situationen leichter möglich.

 6. Welche Erfolgserlebnisse (für dich, für Kinder, für Eltern etc.) verbindest du mit Komm!ASS?

Freude und Offenheit für Interaktion. Lebensfreude gerichtet auf ein Miteinander und weniger Angst und Stressbelastung im Alltag.

 7.  Wo sind die Grenzen dieser Methode? Was dürfen sich Eltern nicht erwarten?

Ob ein Kind sprechen lernt und wie weit verschiedenen Tätigkeiten oder auch kognitive Fähigkeiten erlangt werden, können wir Eltern nicht vorhersagen.

 8. Was möchtest Du Eltern (und ihren besonderen Kindern) gerne sonst noch mit auf ihren Weg geben?

Es ist nicht so bedeutsam ob ein Kind sprechen lernt und ob es bestimmte kognitive Leistungen erbringen kann. Wichtig ist, dass es mit seiner Umwelt interagiert, dass es zuhören kann, dass es sich austauscht, dass es seine Bedürfnisse mitteilen kann. Es muss sich einfügen in Gemeinschaften und kann so Freundschaften knüpfen.