Möchten Autist*innen überhaupt inkludiert sein?

Nein…?   Jein…?    Ja, aber…?

Je nach Ausprägung…?

Je nach individuellen Spezial- und Überhaupt-Interessen…?

Je nach sozialem Entwicklungsstand…?

Ich möchte gerne weit – sehr weit – ausschweifen und mich dem Thema von einer anderen, metaphorischen Seite annähern.

Möchten Astronautinnen überhaupt auf den Mond?

Möglicherweise nicht alle, aber tendenziell eher schon würde ich meinen.

Allerdings muss ich ergänzen, dass wohl die meisten Astronaut*innen nicht um jeden Preis auf den Mond möchten. Lass uns die möglichen Preise mal konkretisieren. Wir gehen also von einer fiktiven durchschnittlichen Astronautin aus und versuchen ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen, die sich bei einer Mondfahrt ergeben und sorgen dafür, dass ihr Wohlbefinden weitestgehend aufrecht erhalten wird und sie trotzdem am Mond ankommt – auch wenn sich das in manchen Phasen kaum unter den Hut bringen (RW) lässt.

Welche Unannehmlichkeiten bringt eine Raumfahrt mit sich? Was können wir tun?

1. Der Start: 8 Minuten lang 5g – also die fünffache Erdbeschleunigung. Das ist hart, das ist unbeschreiblich. Im Prinzip ist es für die meisten Menschen nicht möglich hier bei Bewusstsein zu bleiben, die Augen- und Hirndurchblutung ist eingeschränkt. Was können wir für das Wohlbefinden unserer Astronautin tun? Nun, zunächst mal dehnen wir den Begriff Wohlbefinden extrem aus und dann betrachten wir zwei Maßnahmen, die zumindest noch größeres Unwohlbefinden verhindern:

  • Vorbereitung
  • Halt geben

Die Vorbereitung ist hier ein mehrjähriger Prozess, der den Organismus langsam an die Belastung gewöhnt, sodass es der Astronautin letztlich möglich sein wird unter dieser enormen Belastung ihr Bewusstsein und ihre Handlungsfähigkeit zu behalten.

Halt geben in diesem Fall Gurte. Die Belastung ist in einer aufrechten, bewegungslosen Körperposition am Besten zu ertragen, bzw. am wenigsten lebensgefährlich. Kopfüber wäre das Risiko einer Hirnblutung sehr groß.

2. Die Schwerelosigkeit: Sie setzt plötzlich ein und liefert einen krassen Kontrast zu der eben noch ertragenen 5fachen Erdbeschleunigung. Die Raumkrankheit kann auftreten – die ist vergleichbar mit der Seekrankheit eine Störung des Gleichgewichtsorganes, das nun naturgemäß etwas desorientiert mit den Eindrücken und Wahrnehmungen umgeht. Es hat das „oben“ und „unten“ verloren.

Was können wir nun tun um fürs Wohlbefinden unserer Astronautin zu sorgen? Je nach Schweregrad des Leidens entheben wir sie mal von Verantwortungsvollen Aufgaben und geben Zeit und Raum um sich an die Schwerelosigkeit zu gewöhnen.

3. Mondlandung: Das was man in der Raumfahrt als „sanfte Landung“ bezeichnet, beschreibt den Umstand, dass das gelandete Objekt nicht an der Oberfläche zerschellt ist, sondern auch danach noch einsatzfähig ist. Die Erwartung darf also ruhig holprig sein, schließlich ist derzeit kein Astronaut zu finden, der in Sachen Mondlandung in Übung ist – seit 1972 war da niemand mehr oben. Es ist fast als wäre es das Erste Mal, wenn man geflissentlich von den 20 wahllos verstreuten Wracks absieht, die eben in die Kategorie „harte Landung“ fielen,

Was können wir nun fürs Wohlbefinden tun? Wir sorgen für Sicherheit und geben die Verantwortung an die kompetenteste Kollegin ab. Unsere Astronautin ist also wieder angeschnallt (Halt geben) und darf in dieser speziellen heiklen Situation die Führung an andere übergeben (Führung bieten) – obwohl sie beim Einparken auf der Erde sehr versiert ist. Wirklich.

4. Und nun ist das langersehnte Ziel endlich erreicht und einem Mondspaziergang steht nichts mehr im Weg! Fast nichts. Ungünstigerweise ist es am Mond deutlich kühler als wir Menschen gut ertragen können. Mittags steigt die Temperatur zwar auf lauschige -130° C an, aber das reicht weder fürs Wohlbefinden, noch fürs Überleben. Und wenn wir schon bei den existenziellen Problemen sind. Sauerstoff am Mond ist sozusagen Mangelware, er hat keine Atmosphäre die ihn an sich binden würde. Dieses Fehlen einer Atmosphäre bringt gleich auch noch den Nachteil erhöhter Strahlung mit sich. Was nun?

Was können wir in einer derart Lebensfeindlichen Mondlandschaft nun für unsere Astronautin tun? Wir bedienen uns etablierter Hilfsmittel und zwar einer Sauerstoffversorgung innerhalb eines schützenden Raumanzuges, der auch noch die nötige Schwere mit sich bringt, die unsere Astronautin am Mond ganz gut brauchen kann.

Und jetzt verlassen wir die Szene, bevor ich mir noch überlegen muss, wie die Landung auf der Erde denn so abzulaufen hat,  und stellen uns noch mal die Eingangs-Frage: Möchten Autist*innen überhaupt inkludiert sein?

Ich würde meinen: Ja, so sehr wie eine Astronautin auf den Mond will. Nur leider sind die meisten Autist*innen nicht automatisch mit diesen außergewöhnlichen astronautenhaften mentalen Fähigkeiten ausgestattet oder jahrelang intensiv trainiert worden um souverän und sozusagen im ‚kam, sah und siegte‘ – Modus ihr Sozialleben meistern zu können.

Vergleichbar mit den unermesslichen Strapazen die die Astronautin in den ersten 8 Minuten durchlitten hat, kann es für Autist*innen mit ebenso schier unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden sein, sich anderen zu nähern, oder sie anzusehen, oder neben ihnen noch das zu tun oder zu sagen, was sie gerne tun oder sagen würden. Ängste können überhand nehmen und sogar körperlich spürbar sein. Die Herausforderung ist für Allist*innen nicht nachvollziehbar oder nicht erkennbar – und so wird dann völlig falsch interpretiert wie etwa:  ‚Ach, der interessiert sich sowieso nicht für Menschen.

Wir, die ach so ‚empathiebegabten Allist*innen‚ sollten uns an diesem Punkt vor Augen führen, dass wir eben auch nur mit unsereins emphatisch sein können – nämlich mit jenem Teil der Menschheit, der eine ähnliche Form der Reizverarbeitung und Wahrnehmung hat wie wir. Im Zusammensein mit Autist*innen braucht es dann allerdings mehr als das gewohnheitsmäßige ‚von-sich-selbst-auf-andere-schließen‘ – hier kann nur Fachwissen und die intensive Auseinandersetzung mit dem Erleben des Anderen weiterhelfen.

Vielleicht erlebt mein Gegenüber nämlich gerade etwas denselben Stress, wie Astronaut*innen beim Start, oder muss ähnlich einer plötzlichen Schwerelosigkeit, mit einer plötzlichen Desorientierung, Reizüberflutung, oder körperlich sensorischen Phänomenen klar kommen.

Und dann ist es unsere Aufgabe sich immer wieder die Frage zu stellen, was kann ich tun um fürs Wohlbefinden zu sorgen? Wie kann ich Halt geben oder Führung übernehmen? Wo braucht es jetzt einfach nur ein bisschen Zeit und Raum? Welche Hilfsmitteln würden jetzt die Situation erleichtern? Und natürlich: Wie kann eine solche Situation (vielleicht erst beim nächsten Mal) gut vorbereitet werden?

Du bist noch skeptisch? Da gibt es nämlich dieses autistische Kind, von dem du weißt, dass es einfach überhaupt keinen Kontakt sucht und auch gar nicht berührt werden möchte, also alles Zwischenmenschliche vermeidet.

Zunächst mal bedeutet ’nicht berührt werden wollen‘ in erster Linie eines: ’nicht berührt werden wollen‘. Weiter nichts. Die Tatsache, dass sich der taktile Reiz einer Berührung auf der Haut für dieses Kind wahnsinnig unangenehm anfühlt, bedeutet keineswegs, dass dieses Kind keine Menschen mag und vollständige Isolierung ab heute und hier bevorzugt.

Und die scheinbar totale Kontaktlosigkeit kleinerer Kinder ist auch noch kein Beweis dafür, dass dieses Kind nie inkludiert sein möchte. Jetzt gerade ist es vielleicht noch viel zu sehr mit den unglaublichen Reizen die es zu verarbeiten hat völlig überfordert. Jetzt gerade ist es deswegen auch noch in einer anderen sozialen Entwicklungsphase als gleichaltrige Kinder. Doch all das sagt wenig über das Entwicklungspotenzial und das (kommende) Bedürfnis nach Kontakt/Beziehung aus.

Die Idee, dass der Wunsch nach Kontakt und Beziehung bei vielen Autist*innen vorhanden, ja teilweise sogar ein sehr großes Lebensthema ist, entstammt nicht etwa meiner Phantasie, besonderem Gespür oder grenzenloser Intuition – zahllose Bücher, Blogs und Postings die von Autist*innen verfasst und veröffentlicht wurden sprechen hier ein sehr klare und eindeutige Sprache. Oft erwacht das Interesse für andere erst später als bei Gleichaltrigen.

Ich zitiere hier Nicole Schuster – selbst Asperger-Autistin und eine der bekanntesten Autismus-Expertinnen im deutschsprachigen Bereich:

Trotz der Probleme, die sich im Zusammensein mit anderen Menschen auftun, kennen viele der betroffenen Kinder eine immerzu latent vorhandenen Sehnsucht, dazuzugehören. Sie sehnen sie nach Freunden, nach Aufmerksamkeit und Beachtung vonseiten Gleichaltriger. Nur zu oft fehlen ihnen aber die nötigen Mitteln und der letzte Wille, die ersehnte Nähe herzustellen. Und wenn doch einmal Nähe erzeugt wird, scheuen sie auch gleich wieder vor ihr zurück. Das Bedürfnis nach Nähe und die Unfähigkeit, damit umzugehen, sind Genaus paradox, wie der sehnliche Wunsch, umarmt zu werden und die körperliche Unfähigkeit, mit solchen Zärtlichkeiten umzugehen.