Die Stützkraft, bzw. die Kindergarten- und Schulassistenz

„Ich habe ihr Inserat gefunden, in dem Sie eine Stützkraft suchen. Der Job würde mich sehr interessieren und darum möchte ich wissen:  Was sind denn die Voraussetzungen dafür?“ 

„Keine speziellen, also bis auf die üblichen die für alle ‚Gemeindemitarbeiter’ gelten.“ 

„Also ich brauche keine Ausbildung oder Vorkenntnisse oder Empfehlungsschreiben?“

„Nein, nicht unbedingt“

„Nicht unbedingt? Also doch?“

„Sollten keine anderen Bewerber interessiert sein, dann genügt unseren formalen Anforderungen ihre Staastbürgerschaft, eine Strafregisterbescheinigung, der Eindruck, dass sie körperlich, psychisch und geistige diese Aufgabe erfüllen können und gute Umgangsformen.“

„Und was sind die Voraussetzungen wenn doch auch andere Bewerber, oder wie ich eher denke Bewerberinnen interessiert sind?“

„Dann geben wir den geeigneteren den Vorzug.“

„Aha, ok… und wie wird entschieden, wer geeigneter ist? Sind dann doch Ausbildungen von Bedeutung?“

„Nein, zuerst mal sehen wir uns an, wer seinen Wohnsitz im Gemeindegebiet hat,….“

Die schlechte Nachricht zuerst: Ja, diese Praxis gibt es noch. Die gute Nachricht: Es gibt auch schon fortschrittlichere Zugänge, die sich etwas mehr am Wohl des autistischen Kindes orientieren – und sie werden immer mehr!

Isabella und Sebastian, die nach langem Überlegen und vielen Diskussionen ihren autistischen Sohn Bernhard im Kindergarten anmelden möchten, führen ein ausführliches Gespräch mit der Kindergartendirektorin, offenbaren ihr seine Besonderheiten und Bedürfnisse und möchten gerne wissen, ob ein Kindergartenbesuch überhaupt möglich ist. 

Natürlich ist das möglich! Keine Frage! 

Natürlich kann Bernhard bei uns den Kindergarten besuchen! Keine Frage! Aber da seine Voraussetzungen sehr speziell sind, werde ich mich diese Woche noch mit unserer Sonderkindergärtnerin zusammensetzen und besprechen, welche Rahmenbedingungen wir dafür brauchen, vermutlich werden wir dann eine Stützkraft beantragen und überlegen welche Gruppe am geeignetsten ist um ihren Sohn zu integrieren.“ 

„Ach, sie haben auch eine Sonderkindergärtnerin im Haus, das wussten wir garnicht. Großartig. Hat sie auch Erfahrung mit autistischen Kindern? Also, … nicht dass ich es einer Sonderkindergärterin nicht zutraue,… aber es ist schon eine Herausforderung unseren Bernhard einen ganzen Vormittag zu begleiten, also meine Mutter traut sich das nicht zu…“

„Ja, natürlich hat unsere Sonderkindergärtnerin auch mit autistischen Kindern Erfahrung. Keine Sorge. Sie ist einmal in der Woche bei uns im Haus und wird der Pädagogin und auch der Stützkraft mit ihrem Fachwissen weiterhelfen und auch die gesamte Situation beobachten und falls nötig Änderungen initiieren. Die Stützkraft wird ihrem Kind dann zur Seite stehen und es dabei unterstützen sich gut zurecht zu finden und sich hier wohl zu fühlen.“

„Ach so die Stützkraft. Ist das auch eine spezialisierte Kindergartenpädagogin, die sich mit besonderen Bedürfnissen gut auskennt?“

„Nein,… eigentlich weder noch um ehrlich zu sein. Die Stützkraft ist eine Mitarbeiterin, die die Gemeinde zur Verfügung stellt, die aber in der Regel keine pädagogische Ausbildung hat.“

„Oh… aber sie hat Erfahrung mit beeinträchtigten Kindern?“

„Möglich, das kann ich leider nicht sagen, solange ich sie nicht kennen gelernt habe. Es wäre aber schon ein großes Glück, um ehrlich zu sein.“

„Ach, … und das funktioniert? Also, ich hab mehr als vier Jahre gebraucht um herauszufinden, wie ich am Besten mit Bernhard durch den Tag kommen kann. Also, ganz ohne „Bedienungsanleitung“ könnt ich ihn gar nicht anderen anvertrauen, vor allem, wenn ich weiß, dass es für diese Person absulutes Neuland ist!“

„Ich kann das sehr gut verstehen, aber mir sind leider die Hände gebunden. In die Entscheidung werde ich nicht miteinbezogen und kann selbst nur auf das Beste hoffen, was würden sie sich  denn von einer Stützkraft wünschen?“

Isabella und Sebastian müssen gar nicht lange nachdenken um grundlegend wichtige Eigenschaften und Qualifikationen aufzuzählen die eine Stützkraft für Bernhard mitbringen sollte.

  • Geduld
  • ein großes liebevolles Herz
  • die Bereitschaft sich intensiv mit Bernhard und seinen besonderen Bedürfnissen auseinanderzusetzen
  • die Bereitschaft sich mit unseren Wünschen und Zugängen auseinander zu setzen
  • die Bereitschaft sich auch mit dem Thema Autismus auseinander zusetzen
  • Reflexionsbereitschaft um eigenes Verhalten und schwierige Situationen gut durcharbeiten zu können
  • Fingerspitzengefühl und Strategien für Stolpersteine und spezielle Herausforderungen
  • Feingefühl und Unterstützung der sozialen Entwicklung
  • Robustheit beim Einstecken von maßloser Zuneigung, die schon mal mit körperlicher Unbeholfenheit oder „Dosierungsschwierigkeiten“ einhergehen kann. 
  • Verständnis für Ängste, Zwänge und Stereotypien
  • Eine wertschätzenden Grundhaltung 
  • Offenheit

Und keine fünf Minuten nachdem sie mit dem Wort „Stützkraft“ zum ersten Mal in Berührung gekommen sind, haben Isabella und Sebastian somit auch schon den Prototypen einer idealen Stützkraft entworfen.

Einige Monate später ist es dann soweit – der erste Kindergartentag ist gekommen. Bernhard ist gut vorbereitet, seine Mama auch. Sie hat mit Bernhard mehrere Wochen lang den Weg zum Kindergarten geübt, ihm jeden Tag auch erzählt, dass er dort hingehen wird, spielen darf und dann mit ihr auch wieder nach Hause gehen wird. Für die erste Trennung dürfen die beiden sich auch ein paar Wochen Zeit nehmen, um eine Traumatisierung, oder einen Vertrauensbruch zu vermeiden. Die Rollen sind mit der Pädagogin gut vorbesprochen: Isabella darf eine Aktivität, die Bernhard besonders gern mag, initiieren und dabei Bernhard gemeinsam mit der Stützkraft begleiten. Soweit die Theorie.

Der Ersteindruck ist leider nicht optimal. Isabella hatte viereinhalb Jahre Zeit um einschätzen zu lernen auf welchen Menschentyp ihr Bernhard wie reagiert. Und jetzt steht sie einer sehr selbstbewussten Frau gegenüber, die mit viel zu energischer Stimme auf Bernhard einredet, ohne, dass er überhaupt Zeit hatte, sie überhaupt schon mal wahr zu nehmen. 

Isabella schluckt ihre Befürchtungen hinunter und beginnt ein Gespräch, in dem sie der Dame Bernhards Besonderheiten und Bedürfnisse näher bringen möchte. Schon im ersten Satz winkt die Dame ab und meint lapidar: 

„Machen Sie sich keine Sorgen, wir machen das schon. Ich hab schon mal mit einem autistischen Kind gearbeitet, da werd ich mit ihrem auch fertig werden.“ 

Und schon hechtet sie Bernhard hinterher, reisst ihm ein Spielzeug aus der Hand an dem er eben vorsichtig riechen wollte und ergänzt seinen Schreck noch mit einem sehr lauten, im ‚Oberbefehlshaber-Ton‘ gehaltenen: „Nein, wir beissen da nicht hinein.“

Spätestens jetzt weiß Isabella, dass diese Stützkraft leider nicht die notwendigen Qualitäten mit sich bringt, wird in ihrer Annahme aber noch einmal bestätigt.

Bernhard brüllt vor Schreck und ist sehr irritiert. Er krallt sich an Isabella fest und versteckt sich vor der für ihn fremden und unangenehmen Dame.

Die kommentiert dies nur mit: „Er wird’s auch noch lernen.“ und wendet sich dann mit den Worten „Na komm her, ich tu dir ja nix – wir spielen jetzt was Schönes“ an Bernhard, der sich dafür natürlich nicht mehr erwärmen kann. Nicht jetzt, nicht am nächsten Tag und auch nicht während der nächsten beiden Jahre, die er in dieser Kindergartengruppe verbringen wird. 

Bernhard hat aber Glück. Die Aufgabe der Stützkraft im Kindergarten ist nicht zwangsläufig die, dass sie sich ausschließlich um das Integrationskind kümmern muss, sondern auch die, dass sie die Gruppe unterstützt. So kann dann beispielsweise die Pädagogin oder die Betreuerin gut auf Bernhard eingehen, da sie ja von der Stützkraft, die inzwischen engagiert mit anderen Kindern spielt, bastelt, oder ihnen vorliest, gut dafür freigespielt ist. 

Mit der Betreuerin kommt Bernhard besonders gut zurecht – und sie mit ihm auch. Sie wird die nächsten beiden Jahre seine Stütze sein und ihm dabei helfen sich in der Gruppe wohl zu fühlen, denn zwischen diesen beiden stimmt die Chemie, sie nimmt ihn wie er ist und sie setzt sich sehr neugierig mit dem Thema Autismus und den vielen Inputs der Eltern auseinander.