... und wo bleiben die Symptome?

Ja, stimmt schon. Von Symptomen ist auf dieser Website eigentlich nirgends recht die Rede. Genaugenommen nur an dieser Stelle. Warum ist dieser Begriff so vehement ausgeklammert?

Stellen wir uns vor, ich hätte anstatt die Besonderheiten autistischer Menschen vorzustellen folgende Frage gestellt:

Was sind die Symptome des Autismusspektrums?

Diese Fragestellung impliziert drei Grundannahmen:

  1. Autismus ist eine Krankheit – denn nur Krankheiten und Störungen haben auch Symptome
  2. Diese Symptome lassen sich eindeutig abstecken und sind bei allen Autisten relativ homogen
  3. Symptome des Autismus und jene der oft einhergehenden Komorbiditäten lassen sich klar von einander differenzieren.

Ad 1) Darüber gibt es einen sehr intensiv geführten Diskurs. Für viele Autisten ist diese Grundannahme verletzend und kränkend ist und wird ihrem „Anders sein“ nicht gerecht. Impliziert Krankheit nicht immer auch, dass man davon genesen kann, oder dass eine Änderung des Zustandes unbedingt wünschenswert wäre?

Ad 2) Autismusspektrum hat so unglaublich viele Möglichkeiten der Variation auf allen Ebenen des Seins, der Wahrnehmung und Reizverarbeitung, der sozialen Perspektiven und Eingebundenheit, der intellektuellen Fähigkeiten, der körperlichen und motorischen Verfassung. Auf dieser Grundlage ist es fast unmöglich eine Definition einer Symptomatik zu finden, die dem allen gerecht werden kann. Viel mehr umfasst das Autismusspektrum eben einen Pool an Möglichkeiten aus denen sich jede*r wohl sein ganz persönliches Anders-Sein herausschöpfen kann. 

Ad 3) Es gibt nun die Möglichkeit von Autismus als Störung oder als Variation auszugehen. Je nach Schweregrad in Bezug auf Abhängigkeit und Schwierigkeiten, je nach Intellekt ist beides argumentierbar und beides nachvollziehbar. Ich kenne Autisten, die in ihrer Art und ihrer Denkweise unglaublich bereichernd einzigartig sind, aber doch keineswegs „gestört“ – und ich kenne welche, wo es deutlich seltsam wäre ’nur‘ von einer Variation zu sprechen, da ihre persönliche Einschränkung der Lebensgestaltung derart umfassend ist, dass eine selbstständige Lebensführung auch nicht in kleinen Teilbereichen möglich ist. Hier spielt unter anderem mit, dass es eigentlich keine wirklich klare Trennlinie gibt wo Autismus endet und wo Komorbiditäten beginnen. Bis heute hab ich für mich noch nicht schlüssig herausfiltern können, was denn nun „Autismus in Reinform“ oder „Autismus pur“ sein könnte – um es sinnvoll von allen anderen Symptomen getrennt betrachten zu können.

Wann spreche ich also von Variation und wann von Störung? Mir persönlich ist keine allgemein gültige Formel bekannt wie man damit wertschätzend, politisch und ethisch korrekt umgehen kann. In Ermangelung besserer Möglichkeiten entscheide ich für mich, es am Leidensdruck festzumachen.

Dort wo der Leidensdruck spürbar oder messbar ist, dort beginnt die Störung und alles bis dahin nenne ich Variation.

Der Leidensdruck wiederum ist ja auch keine klar sichtbare Grenze, da ja viele Autist*innen nicht in der Lage sind, diesen eindeutig zum Ausdruck zu bringen. Ich gehe davon aus, dass ein Kind, dass sich den ganzen Tag nur mit Selbststimulierung (stimming) beschäftigt einen gewissen Leidensdruck erlebt. Diese Annahme stütze ich auf viele Erfahrungsberichte, die Autist*innen verfasst haben. Unter anderem beschreiben sie, sich selbst zu stimulieren um sich besser spüren zu können, um Stress abzubauen, oder auch um sich selbst Halt und Struktur zu geben. Zwar wird die Selbststimulierung meist als angenehm empfunden, aber dass sie notwendig ist zeugt von Stress – also einem Leidensdruck.

All das ist sehr weit weg von dem Flow-Erlebnis, das bspw. Kinder erleben, die selbstvergessen ins Spiel vertieft sind. 

Heißt das jetzt, dass man nicht mehr von Symptomen sprechen darf, wenn es um Autist*innen geht?

Nun ja. Dürfen… Es ist an sich natürlich genauso erlaubt, wie es auch erlaubt ist nicht zu gendern. Es steht jeder Vortragenden frei auch vor einem Auditorium von 95 Frauen und 5 Männern ausschließlich die männliche Form zu verwenden – kein Problem, voll erlaubt und absolut legal.

Ein bisschen realitätsfern halt und auf jeden Fall rückständig in Sachen Feminismus und Gleichberechtigung. 

Genauso verhält es sich, wenn man im Kontext mit Autismusspektrum ausschließlich von Symptomen spricht – es ist rückständig in Sachen Neurodiversität und verhindert teilweise eine Begegnung auf Augenhöhe.  Um es zu verdeutlichen – wir sprechen (mittlerweile) auch bei Linkshändern und homosexuellen nicht von einer Störung, sondern wertfrei von einer Möglichkeit des Seins und der Lebensgestaltung. Auf genau diesen Status haben auch Menschen aus dem Autismusspektrum Anspruch – denn ‚Autismus itself‘ ist eben eigentlich keine Störung. 

Leider sind aber in unseren Zeiten noch viele Autist*innen mit unglaublichen Vorurteilen und Fehleinschätzungen konfrontiert, vermissen Verständnis und Entgegenkommen und können sich in vielen Situationen auch nicht angemessen wehren, wenn Ihnen Unrecht getan wird – da Schlagfertigkeit in der Regel nicht zur Kernkompetenz autistischer Menschen zählt. 

Was ich ihnen mitgeben möchte ist ein schönes Zitat Goethes. In meiner Alltagssprache zitiere ich gegebenenfalls auch gern mal Götz von Berlichingen, wem das aber zu vulgär ist, dem wünsche ich Erfolg mit Folgendem:

Hätte Gott mich anders gewollt,

so hätte er mich anders gebaut.

Was meint ihr dazu? Ich freu mich über wertschätzende, anregende Kommentare!

Welche Wörter könnten besser passen als Störung und Symptome?

Und würden diese dann auch noch jenen Autisten gerecht werden, die aufgrund ihren schweren Betroffenheit nicht in der Lage sind, sich aus ihrer Welt heraus zu wagen?

Wer definiert was Störung ist?

Und wer muss sich danach richten?

Wo endet Variation und wo beginnt Störung?

Wen verletzt der Begriff der Behinderung oder der Störung?

Kann die Störung am Leidensdruck festgemacht werden?

  1. Sym·p·tom
    /zʏmpˈtoːm,Symptóm/
    Substantiv, Neutrum [das]
    1. 1.
      MEDIZIN
      Anzeichen einer Krankheit; für eine Krankheit charakteristische Erscheinungen
      „klinische Symptome“
    2. 2.
      BILDUNGSSPRACHLICH
      Merkmal, Zeichen, aus dem etwas [Negatives] erkennbar wird
      „die Symptome dieser Entwicklung sind Gier und Egoismus“