Die Wahrnehmung. Unser Tor zur Außenwelt, unser Hilfssystem um uns selbst zu spüren und zu erkennen und… der wichtigste Schlüssel um das Autismus-Spektrum verstehen zu können.

Sehr viele autistische Besonderheiten haben einen gemeinsamen Ausgangspunkt. Aufälligkeiten und den Bereichen der sozialen Interaktion, der Kommunikation und im Verhalten, wie auch in der Motorik basieren teilweise auf einer Sensorischen Integrations-Störung

Das im deutschsprachigen Raum gängigste Diagnoseschema ICD 10 (bald ICD 11) nennt die veränderte Wahrnehmung und Reizverarbeitung bei Autismus nicht explizit als Diagnosekriterium. Im gängigen Klassifikationssystem der USA – dem DSM 5 hingegen werden diese Kriterien zur Diagnose von Autismus-Spektrum berücksichtigt.

Fachliteratur, Experten und Betroffene sind sich aber auch im deutschsprachigen Raum relativ einig, dass es bei Autist*innen im Bereich der Wahrnehmung und Reizverarbeitung ein breites Feld an Variationen gibt. Diese Varianten können sowohl qualitativ (Sinnesleistung) als auch quantitativ (Zentrale Kohärenz, Filtereffekt, etc.) sein

Die Intensität und Ausprägung der Variationen – in allen Sinnesbereichen; sowohl qualitativ als auch quantitativ – kann jeweils starken (Tages-) Schwankungen unterliegen! Auch eine phasenweisen Überempfindlichkeit abwechselnd mit einer Unterempfindlichkeit ist in ein und dem selben Sinnesbereich denkbar, ja es kann auch sein, dass manche Teilaspekte eines Sinnbereiches eher für eine Unterempfindlichkeit sprechen und andere eher für eine Überempfindlichkeit.

Qualitative Variationen

 

Sensorik

Unsere Wahrnehmung umfasst mehrere Sinne, die uns dabei helfen uns selbst und unsere Umwelt wahrzunehmen. Schon Aristoteles hat fünf menschliche Sinne beschrieben, die moderne Physiologie definiert noch einige mehr. Hier die wichtigsten Sinnsysteme.

  1. Auditive Wahrnehmung – der Hörsinn
  2. Olfaktorische Wahrnehmung – der Geruchsinn
  3. Gustatorische Wahrnehmung – der Geschmacksinn
  4. Visuelle Wahrnehmung – der Sehsinn
  5. Taktile Wahrnehmung – der Tastsinn
  6. Temperatursinn
  7. Schmerzempfindung
  8. Gleichgewichtssinn – das vestibuläre System
  9. Tiefenwahrnehmung (Propriozeption)
  10. Enterozeption (bzw. Viszerozeption) – Wahrnehmung 

Für jeden dieser Sinne gibt es so etwas wie die durchschnittliche Empfindlichkeit bzw. Ausgeprägtheit bei Menschen. Individuell ist da aber natürlich zwischen mir und dir, und allen anderen schon der eine oder andere Unterschied zu bemerken. Wie gut etwas „funktioniert“ (absolutes Gehör, Sehkraft in der Ferne etc.) oder was sich für uns angenehm anspürt, uns visuell anspricht oder welche Temperatur bei uns Wohlbefinden auslöst – das ist auch innerhalb der Normbereiches sehr individuell – hier unterscheiden wir uns.

Bei Autisten können sich diese Sinneswahrnehmungen bzw. ihre Verarbeitungen auch weit außerhalb des Normbereiches befinden. Die Sinnesorgane sind zwar an sich intakt, Reize werden im Gehirn aber anders verarbeitet, was zu einer höheren oder niedrigeren Intensität der Wahrnehmung – einer sogenannten sensorischen Hyper- oder Hyposensibilität führen kann

Schon für sich genommen ist ein veränderte Wahrnehmung sehr anstrengend. Dass wir Menschen unsere Umwelt auf die Bedürfnisse allistischer„Allismus Menschen angepasst haben, verstärkt die Herausforderungen für Autist*innen noch dazu enorm.  Viele der räumlichen, visuellen, akustischen und auch die anderen Sinne betreffenden Lebensbedingungen könne für Autist*innen sehr ungünstig, anstrengend bis hin zu völlig untragbar sein. 

Die Abbildung „Das sensorische Spektrum“ zeigt zwei Möglichkeiten wie weit und wie teilweise willkürlich kombiniert sich die Wahrnehmung autistischer Menschen vom Mittelmaß entfernt.

Aus diesem Bild geht hervor, wie individuell das Profil an Über- und Unterempfindlichkeiten sein kann.

Quantitative Variationen

Reizverarbeitung

Die Reizverarbeitung kann bei Autist*innen verzögert und/oder verlangsamt ablaufen.

Zentrale Kohärenz

Die Zentrale Kohärenz beschreibt die Fähigkeit Einzelteile automatisch  zu einem Ganzen zusammen zu fügen, also die Gesamtheit zu erkennen bzw. zu verstehen. Beispielsweise:

  • Viele Wörter ergeben Sätze, Viele Sätze ergeben eine Geschichte.
  • Viele Blätter, Äste und ein Stamm sind ein Baum.

Für viele Autist*innen erschließt sich weder das Konzept der Geschichte, noch das visuelle Erkennen des Baumes automatisch, da sie sich stattdessen in den Einzelheiten „verlieren“. In diesem Fall spricht man von einer „Schwachen Zentralen Kohärenz„. Diese Schwache Zentrale Kohärenz schafft zwar in vielen Lebensbereichen für Autist*innen große Herausforderungen, darf aber auch als ungemeine Bereicherung betrachtet werden. Auf ihr basiert schließlich die beeindruckende Fähigkeit sich absolut auf Details zu konzentrieren, die Autist*innen zu Experten in ihrem Spezialgebiet machen.

Filtereffekt

Der Filtereffekt hilft uns dabei nur das wahrzunehmen was gerade wichtig für uns ist. Wir können Nebengeräusche, Gespräche am Nebentisch oder auch innere Vorgänge herausfiltern und nehmen nur das wahr, was unser Unbewusstes relevant findet. So können wir unseren Fokus gezielt auf Lehrer*innen, die Schultafel, oder was eben gerade im Vordergrund unserer Wahrnehmung stehen sollte, lenken. Diese Fähigkeit fehlt vielen Autist*innen. Alle eintreffenden Reize auf allen Sinneskanälen werden vom Unbewussten als wichtig erachtet, gleich stark bewertet und ungefiltert wahrgenommen. Das führt zu enormen Stress und birgt ständig die Gefahr einer Reizüberflutung.

Synästhesie

Dieses seltene Phänomen ist nicht nur bei Autist*innen anzutreffen. Bei einer Synästhesie wird löst ein Reiz, der über einen Sinneskanal wahrgenommen wird, gleichzeitig auch noch eine Empfindung in einem anderen Wahrnehmungsbereich aus. Sehr oft sind es Klänge die Farben auslösen, aber es sind natürlich auch andere Kombinationen denkbar.  Beispiele:

  • Die Geige klingt hellblau.
  • Der Apfel schmeckt herzförmig.
  • Die 11 ist freundlich
  • Blaue Buchstaben duften nach Zimt.

1. Auditive Wahrnehmung – der Hörsinn

Geräusche und Klänge dringen in Form von Wellen an unser Ohr. Sie werden vom Außenohr aufgenommen, vom Mittelohr weitergeleitet und vom Innenohr schließlich in neuronale Impulse umgewandelt. Dieser Vorgang heißt „peripheres Hören„. Hörbeeinträchtigung sind Störungen die in diesem Bereich stattfinden, sie lassen sich messen und einfach diagnostizieren. Die Schallwellen müssen dazu innerhalb eines bestimmen Schalldruckpegelbereichs (über der Hörschwelle und unter der Schmerzgrenze von 130dB) und innerhalb eines bestimmten Frequenzbereiches (16 Hertz – 20.000 Hertz) liegen, sonst sind sie entweder unserer Wahrnehmung nicht zugänglich, oder zerstören schlimmstenfalls unseren Hörsinn.

Sind die Schallwellen nun mal im Innenohr gelandet und dort in neuronale Signale übersetzt beginnt der nächste Prozess – das „zentrale Hören„, das in zwei Stufen abläuft. Zuerst findet die unbewusste Verarbeitung (permanent, auch im Schlaf) statt und danach folgt die bewusste Wahrnehmung (nur im Wachzustand).  Alle Störungen die hier auftreten nennt man nun Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung.  Die wichtigsten Funktionen des zentralen Hörens sind:

  • Richtungshören ermöglicht uns einerseits zu erkennen woher das Geräusch kommt (Lokalisation), andererseits können wir auch gezielt in eine bestimmte Richtung hören und lauschen (selektives Hören bzw. Cocktailparty-Effekt) 
  • Verarbeitung: Vorverarbeitung und Filterung von auditiven Signalen in der zentralen Hörbahn, bspw. wird so schon vor der tatsächlichen Sprachwahrnehmung vorgefiltert, dass es sich um Sprache (Worte) handelt.
  • Sprachwahrnehmung setzt voraus, dass Sprache aus der Geräuschkulisse herausgefiltert werden kann. Erst danach kann Sprache, Wort für Wort, Satz für Satz, entschlüsselt und verstanden werden.
  • Wahrnehmung: bewusste Auswertung der angekommenen Informationen in den zentralen Hörzentren des Großhirns.

Bei Autist*innen ist der Hörsinn sehr häufig, möglicherweise sogar am häufigsten von Wahrnehmungsstörungen betroffen. Wie aus den Punkten Verarbeitung und Sprachwahrnehmung hervorgeht, ist die unzureichende Verarbeitung der Reize, sowie das ungenügende Herausfiltern von Sprache als eine grundlegende Ursache eine verzögernden oder ausbleibenden verbalen Spracherwerbs und/oder Sprachverständnisses anzusehen.

Das Innenohr beherbergt unter anderem auch den Gleichgewichtssinn, welcher ebenso hypo- und hypersensitiv ausgeprägt sein kann.

Die Ausprägung des Hörsinnes  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Hyposensitivität

  • Richtungshören gelingt nicht, da Geräusche und Klänge nur aus einem Ohr bzw. aus einen Ohr erheblich stärker als aus dem anderen,  wahrgenommen werden,
  • Keine Reaktion auf bestimmte Geräusche, obwohl andere offensichtlich wahrgenommen werden.
  • Häufige bis ständige Teilnahmslosigkeit gegenüber der menschlichen Stimme, auch keine Reaktion auf den eigenen Namen.
  • Kein Erschrecken bei lauten Geräuschen, Knallen, schrille Schreien etc.
  • Spaß an lauten Geräuschen, etwa dem   Zuschlagen von Türen, aufeinander schlagen von Topfdeckeln, lauter Musik etc. 
  • Selbststimulierung durch extrem laute Geräusche – sowohl eigene Laute, als auch mit Objekten erzeugte.
  • Manche Frequenzbereiche werden nicht, oder nur eingeschränkt wahrgenommen.
  • Kollektiv als unangenehm empfundene Geräusche lösen keine Reaktion aus (Surren von Gelsen neben dem Ohr, Fingernägel über die Schultafel kratzen)
  • Mag gerne Musik und bestimmte Laute, und Spielzeug, das Geräusche macht

Hypersensitivität

  • Verstärkereffekt: Geräusche und Klänge werden viel lauter wahrgenommen (Surren wie ein Bohrer im Kopf) – das bedeutet aber nicht, dass die betreffende Person selbst sich immer ganz leise verhält.
  • Verzerrung: Manche oder sogar alle Geräusche oder Klänge werden nur sehr verzerrt wahrgenommen
  • „Weithörigkeit“, äußerst ungewöhnliche Hörschärfe: auch relativ weit entfernte Geräusche oder auch Gespräche können sehr genau wahrgenommen werden (im Nebenzimmer, im Garten etc.)
  • Intensive Abneigung gegen spezifische, teilweise auch relativ leise Geräusche, die aber besonders hoch oder tief sind (zum Beispiel das Summen oder elektrischer Geräte, Staubsauger, Gesang, Rasenmäher, Radio, Schreibgeräusche).
  • Hören außerhalb der für Menschen hörbaren Frequenzbereiche (bspw. Hundepfeife, sehr leises Rascheln,  etc.)
  • Hören von Geräuschen, wie etwa ein Flugzeug, oder eine Sirene, schon einige Sekunden früher als andere.
  • Bemerkbar von außen sind etwa: häufiges Zuhalten der Ohren, panische Reaktion bei lauten oder überraschenden Geräuschen.

Quantitative Variationen

  • Filtereffekt fehlt: darum können Hintergrundgeräusche nicht (bzw. nicht gut) herausgefiltert werden, etwa Sprache aus verschiedenen anderen Geräuschquellen, eine bestimmte Stimme in einem Stimmengewirr oder auch relevante andere Vordergrundgeräusche aus Hintergrundgeräuschen.
  • Schwierige akustische Situationen wie etwa Hall oder Echo können dieses Phänomen noch verstärken.  
  • Schwache Zentrale KohärenzSprachliche Inhalte wie etwa Fragen, Aufforderungen oder Sachverhalte werden nur bruchstückhaft verstanden.
  • Sprachverständnis ist (noch) nicht ausreichend entwickelt. Inhalte können nicht verstanden werden, der Spracherwerb ist durch den fehlenden Filtereffekt erschwert. 

2. Olfaktorische Wahrnehmung – der Geruchsinn

Etwa 20-30 Millionen Riechzellen, die sich durch etwa 400 verschiedene Rezeptoren unterscheiden helfen uns dabei etwa 10.000 verschiedene Gerüche zu unterscheiden. Ein Geruchstoff spricht meist mehrere verschieden Rezeptoren gleichzeitig an, und erst aus der ganz speziellen Kombination ergibt sich für uns die Wahrnehmung und des Erkennen eines bestimmten Geruches. Über die Neuriten, bzw. deren Gesamtheit die Riechfäden werden die Reize weitergeleitet und landen schließlich im Riechkolben. Von dort aus gibt es Verbindungen zum olfaktorischen Cortex (dem Zentrum zur Verarbeitung von Gerüchen) aber auch zum limbischen System und zum Hypothalamus.

Bei der Wahrnehmung von Gerüchen unterscheidet man die Wahrnehmungsschwelle und die Erkennungsschwelle – die Menge an jeweils notwendigen Geruchspartikeln ist hier ganz verschieden, sie richtet sich hier nach der Geruchsintensität der Substanz. Viele Tiere haben ein weit feinere Geruchswahrnehmung – Hunde etwa riechen 1000mal genauer als Menschen.

Das Wiedererkennen von Gerüchen geschieht mit Hilfe des visuellen Systems – so wird meist räumlich der Ort erinnert, der mit diesem Geruchserlebnis verknüpft ist. Gerüche, die oft im Alltag vorkommen werden auch mit der Bezeichnung gespeichert (z.B. Zimt, Orange, etc.). Das Speichern von Gerüchen ist ein besonders beeindruckender Prozess, sie werden im Hippocampus verarbeitet und werden so mit sofortiger Wirkung im Langzeitgedächtnis gespeichert – ohne dass eine Wiederholung des Reizes notwendig wäre. Außerdem beteiligt sich die Amygdala an diesem Vorgang wodurch die Geruchserfahrung mit einer Emotion verknüpft unmittelbar im episodischen Gedächtnis abgelegt wird. Kurz gesagt: Riechen nimmt eine absolute Sonderstellung bei Lernprozessen ein. Wichtig zu wissen ist hierbei, dass Gerüche uns sozusagen unmittelbar in Situationen und Geschehen der Vergangenheit zurückversetzen können. Gerüche, die mit sehr unangenehmen, traumatischen Erlebnis verbunden sind, können hier also auch triggern und ein Flashback auslösen

Die Ausprägung des Geruchssinnes  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Hyposensitivität

  • Gerüche – auch sehr intensive bzw. unangenehmene – werden nicht wahrgenommen
  • Auch der eigene Körpergeruch wird nicht wahrgenommen – auch nicht, wenn der schon für alle anderen unangenehme Ausmaße annimmt.
  • Manchmal werden ersatzweise Dinge abgeleckt, um ein besseres Verständnis davon zu bekommen, was sie sind – beschreibt Linus Müller.
  • Riechen (Schnuppern) an Dingen und auch Personen um sie näher zu erforschen.

Hypersensitivität

  • Gerüche werden sehr intensiv erlebt. Viele davon sind schier unerträglich und lösen eine starke Abneigung aus.
  • Personen mit starken Parfüms, oder auch deren Eigengeruch, Orte mit unangenehmen Gerüchen (Toilette) etc. werden als sehr unangenehm erlebt und gemieden.
  • Bücher, Stifte, Pflanzen (auch nicht-blühende) etc. können am Geruch unterschieden  bzw. erkannt werden.
  • Gerüche werden lang vor allen anderen im Raum Anwesenden wahrgenommen. (z.b. auch Brandgeruch)

Quantitative Variation

  • Gerüche werden als Farbe oder Farbmuster wahrgenommen.
  • Gerüche werden erst verzögert wahrgenommen.
  • Durch den fehlenden Filtereffekt werden Gerüche so intensiv wahrgenommen, dass sie von Aufgaben und Anforderungen ablenken und keine Konzentration mehr möglich ist 

3. Gustatorische Wahrnehmung – der Geschmacksinn

Unser Geschmacksinn hilft uns dabei Nahrung vor der Einnahme auf Zustand und Verträglichkeit zu prüfen. Geschmacksknospen die auf unserer Zunge, in den Geschmackspapillen und auf der Rachenschleimhaut sitzen, enthalten jeweils 50 bis 150 Sinneszellen. Diese reagieren auf chemische Reize der zugeführten Lebensmittel und vermitteln uns auf diese Weise wichtige Information über die zugeführte Nahrung. 

Die Wall-, Blätter- und Pilzpapillen können unsere Nahrung in 5-6 Geschmacksrichtungen einteilen:

  • Süß – ausgelöst durch Zucker und Zuckerderivate sowie einige Aminosäuren, Peptide oder Alkohole.
  • Salzig – ausgelöst durch Speisesalz sowie durch einige andere Mineralsalze.
  • Sauer – ausgelöst durch saure Lösungen und organische Säuren.
  • Bitter – ausgelöst durch eine Vielzahl verschiedener Bitterstoffe.
  • Umami – ausgelöst durch die Aminosäuren Glutaminsäure und Asparaginsäure.
  • Fett – ausgelöst durch freie Fettsäuren doch als Geschmacksqualität umstritten.

Die Fadenpapillen beurteilen die mechanischen Eigenschaften der Nahrungsmittel.

Diese Informationen werden über Nerven ans Gehirn weitergeleitet, wo es über den Thalamus in den gustatorischen Kortex kommt. Dort findet bereits eine Integration mit anderen Sinnen statt – konkret dem Tast- und Temperatursinn aus der Mundhöhle. Sensorisch wird die Kombination der jeweils aktivierten Typen an Rezeptoren analysiert und daraus die Geschmacksrichtung differenziert. Theoretisch könnten wir auch eine Million Geschmacksrichtungen so unterscheiden – neben der Auswahl an Nahrungsmitteln würden uns dafür aber auch einfach die Worte fehlen. 

Die Ausprägung des Geschmackssinnes  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Hyposensitivität

  • Bevorzugung von sehr scharfem, sehr salzigem, sehr saurem oder sehr bitterem Essen – ja, sehr süß natürlich auch.
  • Pica-Syndrom: Nicht zum Verzehr gedachte Dinge werden gegessen
    • ungenießbare: Eis, Erde, Stärke, Asche, Kalk, Lehm, Sand, Steine, Papier, Farbschnipsel, Uhu-Stick,  Radiergummi etc.
    • gefährliche: Glasscherben Gift-Pflanzen, Zigarettenstummel oder giftigen Substanzen
    • ekelerregende Dinge: Staub, Abfall und Exkremente

Gustatorische Hyposensitivität ist nicht die Ursache des Pica-Syndroms, aber doch eine grundlegende Voraussetzung.

  •  Erforschen der Dinge und auch Personen durch lecken (und riechen).  

 

Hypersensitivität

  • Bestimmte Konsistenzen von Lebensmitteln und zubereiteten Speisen  werden vermieden.
  • Einschränkung auf bestimmte Konsistenzen: nur breiförmig, wie etw. Brei, Püree, Joghurt, Eis; nur trocken und fest, wie etwa Brot, Nudeln oder Cerealien ohne weitere Zusätze, etc.
  • Bestimmte Geschmacksrichtungen werden zu intensiv, unangenehm oder ekelerregend empfunden – sie werden vermieden.
  • Einschränkung auf bestimmte Lebensmittel: nur Pommes, nur Käsetoast, nur Fleisch, nur Nudeln etc.
  • Lebensmittel dürfen sich nicht gegenseitig berühren um nicht vom Geschmack des anderen kontaminiert zu werden.
  • Lebensmittel dürfen nicht miteinander vermischt werden, wie etwa bei Paella oder Aufläufen, Eintöpfen oder Gemüsesuppen etc.
  • Medikamente, für deren notwendige Verabreichung das Verständnis oder die Einsicht fehlt, können nicht unbemerkt ins Essen gemischt werden.

Quantitative Variation

  • Bestimmte Geschmacksrichtungen oder der spezifische Eigengeschmack einer Speise wird als Form, als Farbe, als Berührung oder als Klang wahrgenommen. „Meine Nudeln sind heute so blau.“

4.Visuelle Wahrnehmung – der Sehsinn

Der dioptrische Apparat lässt die Bilder in unseren Kopf ein – und zwar seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend. Die Sinneszellen – Stäbchen (Helligkeit) und Zäpfchen (Farbesehen) – auf der Retina leiten ihre soeben gewonnene Information an die Ganglienzellen weiter und über die Sehbahn geht es dann weiter zum linken und rechten seitlichen Kniehöcker, der schließlich die Information noch mal perfekt aufbereitet und auf den visuellen Cortex projiziert. Nach dieser Verarbeitung der Reize beginnt die sogenannte Interpretation, also die Wahrnehmung, diese umfasst vier Ebenen. 

  • Raumwahrnehmung: ist die Kombination mehrerer Verfahren. Hier wird berücksichtigt, dass die beiden Augen leicht verschiedene Bilder liefern (Stereoskopes Sehen), dass sich relativ entfernte Gegenstände langsamer bewegen als sehr nahe Gegenstände (wenn man sich durch den Raum bewegt) und dass sich Texturen je nach Abstand verändern. Erst das Gesamtbild dieser drei Verfahren liefert uns ein zuverlässiges 3D-Bild.
  • Objektextraktion: Bevor wir Objekte erkennen und interpretieren können, müssen wir erst aus den Informationen extrahieren, wo sich Objekte befinden und welche der erkannten Linien zu einem Objekt gehören. Wir strukturieren dabei die visuellen Eindrücke nach Ähnlichkeit, Gleichförmigkeit, Symmetrie, gemeinsamer Bewegung, Kontinuität und Geschlossenheit – und voilà haben wir auch schon das Kunststück vollbracht und bspw. eine Blatt von einem Hintergrund unterschieden, einen Stift auf einem Tisch erkannt etc. 
  • Objekterkennung: Um die extrahierten Objekte nun auch zu erkennen wenden wir eine Merkmalanalyse an und vergleichen dieses Objekt mit bestehenden Erinnerungen. Einfache Objekte lassen sich singulär identifizieren – ein Kreis mit einem Kreuz dran ist das Symbol für Weiblichkeit, und auch in verschiedenen Größen, Farben und Relationen zueinander als solche erkennbar. Komplexere Objekte erfordern eine Aufteilung in diverse Unterobjekte die wir dem Gesamtobjekt zuordnen können. Also vier Beine, eine Mähne am Kopf und hinten ein Schweif ergeben nach eingehender Analyse das Objekt Pferd.  
  • Gesichtserkennung: Gesichter erkennen wir singulär – also so wie einfache Objekte. Das ist eine der wichtigsten sozialen Wahrnehmungsleistungen des Menschen. Hierfür prägen wir uns nicht nur die speziellen Unterobjekte (große, breite Nase, kleiner, schmaler Mund etc) ein, sondern auch die Relationen zueinander.  

Die Ausprägung des Sehsinnes  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Hyposensitivität

  • Objekte im Ganzen oder deren Unterobjekte können nicht wahrgenommen werden, da sie nicht hell genug wahrgenommen werden.
  • Objekte können nicht fokussiert betrachtet werden, da nur im peripheren Sichtbereich eine Scharfstellung möglich ist, der zentrale Bereich aber unscharf bleibt.
  • Ein zentrales Objekt wird vergrößert wahrgenommen, Dinge am Rand des Sichtfeldes werden verschwommen wahrgenommen.
  • Versenkt sich gerne in intensive visuelle Muster – auch in Form von Videos. 
  • „Augenbohren“ – damit wird bewusst ein optischer Effekt im Sehnerv ausgelöst.
  • Ständiges Ein- und Ausschalten von Lampen als visueller Reiz, liebt blinkendes, glitzerndes Spielzeug.
  • Liebt Reize wie: Umschlagen von Buchseiten, Öffnen und Schließen von Türen, Drehen eines Ventilators 
  • Stufen o.a. 3-Dimensionale Objekte können nur schlecht bis gar nicht erkannt werden.

Hypersensitivität 

  • Verzerrte Wahrnehmung: Objekte und grelle Lichter scheinen herum zu springen, Bilder oder Symbole laufen ineinander.
  • Das Sichtbild kann gebrochen erscheinen.
  • Neonlampen, Energiesparlampen und LEDs sorgen für große Irritation durch flackern und führen zu Kopfschmerzen.
  • Sonnenlicht ist zu hell und schmerzt in den Augen.
  • Hohe Empfindlichkeit gegen helle und grelle Farben
  • Häufiges Blinzeln.
  • Aus den Augenwinkeln sehen. 
  • Irritation durch Lichteffekte: etwa wenn sich das Muster auf dem Boden oder an den Wänden ändert.
  • Sind fasziniert von Lichtern oder Schatten.
  • Einschränkungen beim Essen können auch visuell mitverursacht werden. Bspw werden nur gelbe Lebensmittel gegessen, oder eben alle Grünen gar nicht.  

 Quantitative Variation

  • Das räumliche Sehen gelingt nicht ausreichend – dies zeigt sich auch durch Schwierigkeiten beim Stiegen steigen, Ball fangen 
  • Gesichtsblindheit: es werden nur die Einzelteile wahrgenommen, nicht die Relation zueinander.
  • Schwache Zentrale Kohärenz:  Die Umwelt wird nur bruchstückhaft wahrgenommen, was die soziale und räumliche Orientierung und das Erfassen von Kausalzusammenhängen enorm erschwert.
  • Fotographisches Gedächtnis – ein kurzer Blick genügt um sich etwas bis ins letzte Detail einzuprägen.
  • Die vielen gleichzeitig eindringenden Sehreize können nicht gefiltert werden, die Unterscheidung zwischen Vordergrund und Hintergrund gelingt nicht – es droht eine Reizüberflutung.
  • Synästhesien: Klänge werden als Farben oder belebte Formen gesehen.
  • Laute Geräusche lösen visuelle Sensationen aus, wie etwa ein Aufwölben des Bodens, Herumspringen von Buchstaben etc. 

5. Taktile und haptische Wahrnehmung – der Tastsinn 

Berührungen sind wichtig für soziale Beziehungen. Sie helfen uns auch, Dinge die uns umgeben zu begreifen. Der Tastsinn ist der mechanische Teil der Oberflächensensibilität und setzt sich aus zwei Komponenten zusammen:

  • Aktiver Anteil = Haptische Wahrnehmung: ermöglicht das bewusste Ertasten und Befühlen von Oberflächen.
  • Passiver Anteil = Taktile Wahrnehmung: betrifft die ganze Hautoberfläche, ermöglich für das Spüren von Berührung und gibt uns ein Gefühl für die  eigenen Abgrenzung von der Umgebung.

Etwa 300-600 Millionen Rezeptoren  – konkret die Mechanorezeptoren, die Dehnungs-, Druck- und Vibrationsrezptoren der Gelenke, Sehnen und Muskeln – arbeiten hier zusammen und informieren uns über Reize die unsere Oberfläche betreffen. Außerdem spielen auch noch alle 5 Millionen Körperhaare mit jeweils etwa 50 Berührungspunkten mit. 

Die gesamten Informationen werden über die afferenten Nervenbahen zum Thalamus und dann weiter zur Großhirnrinde projiziert. Von dort gibt es zahlreiche weitere Verbindungen, da diese sensorischen Informationen auch noch mit weiteren Aspekten der Oberflächen- und Tiefensensibilität verknüpft und verarbeitet werden. 

 Ob gerade der aktiven Anteil oder der passive Anteil aktiv sind, also ob wir bewusst etwas berühren wollen, oder uns jemand zufällig berührt, fühlt sich für uns nicht nur nur verschieden an, nein, es wird auch tatsächlich im Gehirn verschieden verarbeitet. So konnte im Tierversuch herausgefunden werden, dass Neuronen 

  • feuern, wenn der Affe etwas berührt, aber nicht, wenn derselbe Affe an derselben Stelle mit demselben Objekt berührt wird;
  • feuern, wenn der Affe beim Ertasten aufmerksam ist, aber nicht, wenn er dabei abgelenkt ist;
  • feuern, wenn der Affe etwas Eckiges ergreift, aber nicht, wenn er etwas Rundes ergreift.

Die Ausprägung des Tastsinnes  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 

Hyposensitivität

  • Hohe Schmerztoleranz.
  • Kann Berührung des eigenen Körpers nicht, oder nur teilweise wahrnehmen – „Ich spüre entweder meinen Finger oder meine Ohr, aber nicht beide gleichzeitig.“)
  • Braucht engen Körperkontakt, enges Festhalten / starkes Festklammern an Personen – um Druck auf den Körper zu spüren.
  • Risiko von versehentlichen, aber auch beabsichtigten Selbstverletzungen.
  • Betastet gerne verschiedene Oberflächenstrukturen.
  • Betastet und befühlt ständig Gegenstände.
  • Bevorzugt die Berührung von Substanzen, die nicht ganz rein sind, wie Sand oder Matsch
  • Liebt eng anliegende Kleidung.
  • Entspannung und Wohlbefinden durch schwere Gegenstände (z.B. beschwerte Bettdecken, Quetschmaschine, Emmie-Tiere) auf dem Körper.

 Hypersensitivität

  • Berührungen können unangenehm und schmerzhaft sein; die Person mag vielleicht keine Berührungen und meidet sie. Das kann bis zur panischen Angst vor Berührung führen, die natürlich großen Stress erzeugt. 
  • Mag es nicht, irgendetwas an Händen oder Füßen zu haben (zum Beispiel Ringe, Armbänder, Schuhe, Socken).
  • Schwierigkeiten beim Haare waschen, kämmen und Haare schneiden, weil der Kopf besonders empfindlich ist.
  • Schwierigkeiten beim Zähneputzen.
  • Nur bestimmte Arten von Kleidung oder Texturen (Oberflächenstruktur) wird toleriert, andere lösen bspw. brennende Schmerzen oder kratzendes Jucken aus, Hosenbeine fühlen sich an als wären sie nicht Stoff, sondern Schleifpapier.
  • Kurze Kleidung wird vermieden, da die Berührung von Grashalmen, oder dem Luftzug auf den Beinen und Armen als hochgradig unangenehm empfunden wird. 
  • Wasser auf der Haut kann nicht ertragen werden, es schmerzt wie Nadelstiche. Fallweise sind zwar Wassertropfen (duschen) unerträglich, aber die vollflächige Berührung (baden) mit Wasser wird angenehm empfunden.
  • Das Berühren von bestimmten Materialien die die Hände schmutzig machen (Fingerfarben, Sand, Knetmasse etc.) wird vermieden.

 Quantitative Variation

  • Spürt taktile Reize, etwa Berührungen erst zeitverzögert.
  • Klänge, etwa von Musikinstrumenten werden als taktile Berührung wahrgenommen. 
  • Taktile Reize wie etwa ein Kleideretiketten oder Nähte sind sehr unangenehm und fordern die volle Aufmerksamkeit, so dass ein konzentriertes Arbeiten nicht mehr möglich ist. 

6. Temperatursinn – Thermorezeption

Mithilfe von peripheren Thermorezeptoren sind in der Lage, die Temperatur bzw. deren Änderung wahrzunehmen, indem die aktuelle Temperatur des Gewebes registriert wird. Die Änderung der Temperatur wird wahrgenommen sobald das Gewebe einen warmen Gegenstand berührt, in ein warmes Medium (Luft oder Wasser bspw.) kommt oder angestrahlt (Infrarot) wird. 

Die Thermorezeptoren unterscheidet man zwischen Kalt- und Warmrezeptoren. Sie sind Enden von Nervenzellen, deren Zellkörper in den Ganglien im Rückenmark und der Hirnnerven sitzen.  Die Reizweiterleitung der Kaltrezeptoren ist schneller möglich als die der Warmrezeptoren. Die Dichte der Kaltrezeptoren ist etwa 10 mal so hoch wie die der Warmrezeptoren, wobei es hier je nach Bereich eine große Schwankungsbreiten gibt.

Vereinfacht dargestellt erzeugen Warm- und Kaltrezeptoren regelmäßige Impulse, vergleichbar mit dem Trommelschlag einer Galeere (Aktionspotentiale), solange die Temperatur konstant ist. Steigt die Temperatur an, so reagieren die Warmrezeptoren mit einem Anstieg des Tempos, die Kaltrezeptoren mit einer Verlangsamung. Genau umgekehrt reagieren sie auf einen Temperaturabfall – je größer die Änderung der Temperatur um so größer ist auch die Änderung der Geschwindigkeit. Es genügt schon eine Temperaturveränderung von weniger als einem Grad um von den Warm- und Kaltrezeptoren – und so auch von uns – wahrgenommen zu werden.

Warmrezeptoren arbeiten zwischen 30 und 40°C, Kaltrezeptoren zwischen 5 und fast 40°C, wobei manche von ihnen bei über 45°C plötzlich wieder aktiv werden – was zu dem Phänomen der paradoxen Kälteempfindung bei Hitze führen kann. Für die Temperaturen über 43°C sind aber prinzipiell andere Nerven-Enden zuständig – die sogenannten Hitzerezeptoren, die aber den Schmerzrezeptoren (polymodale Nozizeptoren) zugeordnet werden und an wir im nächsten Abschnitt näher unter die Lupe nehmen werden.

Nach einer Temperaturänderung – sofern im moderaten Bereich zwischen 20 und 40°C  – gewöhnen wir uns an die Temperatur und die bewusste Empfindung nimmt ab, obwohl die Rezeptoren weiterhin die „aktuelle Temperatur“ vermitteln. Am Beispiel der Galeere: es wird weiterhin schneller getrommelt – die Ruderer nehmen es gelassen und empfinden nun das schnellere Tempo als „normal“. 

Die Ausprägung des Temperatursinnes  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Hyposensitivität

  • Die Umgebungstemperatur wird nicht richtig wahrgenommen – David Mitchell beschreibt etwa in „the reason i jump“  ein Kind das bei Minusgraden nackt im Trampolin hüpft und die Kälte offenbar nicht spürt. Dies darf nicht mit inneren Hitzen verwechselt werden, da sich in diesem Fall am Hautbild sämtliche Anzeichen des Frierens (Gänsehaut, Blau anlaufen etc.) finden lassen.
  • Zu warme Kleidung im Sommer bei hohen Temperaturen – gerade in Kombination mit einer taktilen Hypersensibilität die nackte Haut vermeidet, kommt dies häufig vor. 

Hypersensitivität

  • punktuelle bzw. sehr kleinflächige Temperaturunterschiede an Kleidungsstücken, wie sie etwa Knöpfe, Reissverschlüsse, Applikation oder auch das Zusammentreffen verschiedener Stoffqualitäten mit sich bringt, werden als hochgradig unangenehm wahrgenommen und vermieden.
  • Bestimmte Temperaturen von Speisen sind unerträglich (nicht nur zu starke Hitze, die ja uns alle betrifft) und werden vermieden.
  • Der Temperaturbereich, in dem Wohlbefinden herrscht ist sehr eng gesteckt – die falsche Temperatur kann Betroffene aus der Fassung bringen.

Qualitative Variationen

  • Eine Temperaturempfindung kann bspw. einen Geschmack, eine Farbe oder einen Klang auslösen. 
  • Wärme- oder Kälteempfindungen werden sehr verlangsamt wahrgenommen oder verzögert erkannt.

7. Schmerzempfindung – Nozizeption

Unangenehm aber überlebenswichtig ist für uns Menschen die Schmerzwahrnehmung. Sie basiert auf die Zusammenarbeit dreier Typen von Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren) :

  • Mechanonozizeptoren: Reagieren vor allem auf starke, spitze Reize. Sie lösen den ersten Schmerz und den so wichtigen Schutzreflex (Wegzucken) aus
  • Polymodale Nozizeptoren: Reagieren zusätzlich auch auf Hitze und starke chemische Reize. Sie lösen Schmerz etwas verzögert aus, bieten dafür eine langanhaltende (meist großflächig brennende) Wirkung.
  • Stumme Nozizeptoren, sie haben Pause, solange sie in gesundem Gewebe sitzen. Erst durch eine Entzündung werden sie aktiv, spielen aber auch eine unangehnehme Rolle bei chronischen Schmerzen.

In unserer Haut sind die Nozizeptoren die häufigsten Rezeptoren, sie sind so dicht angeordnet, dass es von ihnen mehr gibt, als von allen anderen Hautrezeptoren. Zu finden sind außerdem in fast jedem menschlichen Gewebe mit einer langen Liste an Ausnahmen. Dazu gehören die Eingeweideorgane, Geschlechtsorgane, Schilddrüse, Bauchspeicheldrüse, Knorpel, Bandscheibeninnenteile, die Ummantelung des Bauchfells, des Herzbeutels und der Lunge, sowie Glaskörper, Retina, Augenlinse und Zahnschmelz. Durch die räumliche Nähe oder Ummantelung mit schmerzempfindlichem Gewebe kann aber auch in diesen Bereichen ohne eigene Nozizeptoren Schmerz wahrgenommen werden.

Die Ausprägung der Schmerzwahrnehmung  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

 Hyposensitivität

  • Kann Schmerzen garnicht, oder nur sehr geschwächt wahrnehmen, bzw. ist in manchen Bereichen sehr schmerz-unempfindlich.
  • Nimmt Speisen oder Getränke zu sich, wenn diese noch zu heiß zum Verzehr sind, da das nicht bemerkt wird.
  • Eine Verletzung wird nicht bemerkt oder erkannt. 

Hypersensitivität

  • Haareschneiden, oder Fingernägel schneiden verursacht Schmerzen oder wird als sehr unangenehm empfunden.
  • Auch kleine Verletzungen lösen eine sehr lange und intensive Auseinandersetzung damit aus. 
  • Kleidungststücke aus ungünstigen Textilien lösen starke Schmerzen aus. 

 Quantitative Variationen

  • Kann Schmerzen nicht unbedingt einer vorhandenen Verletzung zuordnen, da der Schmerz und der visuelle Eindruck einer Verletzung nicht zu einem Gesamt-Erlebnis verknüpft werden.
  • Schmerzen können eine Farb, Klang-  oder auch Geschmackswahr-nehmung auslösen. 
  • Schmerzen, etwa ein Hämatom, oder Ähnliches, das von außen nicht dramatisch wirkt, können nicht ausreichend herausgefiltert werden und fordern so die volle Aufmerksamkeit – an konzentriertes Arbeiten ist so nicht zu denken. 
  • Schmerzen werden erst verzögert wahrgenommen.

8. Gleichgewichtssinn – vestibuläres System

Unser vestibuläres System sitzt im Innenohr und gibt uns Auskunft über unsere Lage im Raum, unsere Körperhaltung (speziell die Haltung des Kopfes) und über die Bewegung in Form von Beschleunigung unseres Körpers, inklusive Fallbeschleunigung und Winkelbeschleunigung.

Die Werkzeuge unseres Gleichgewichtsorganes sind Statolithen und ein Röhrensystem. Die Statolithen sind Sensoren, vereinfach dargestellt „herumhängen oder gemütlich herumliegen“ – durch unsere Bewegungen oder Lageänderung werden sie einfach mitbewegt, geschüttelt, umgelegt etc. Das Röhrensystem ist mit einer Flüssigkeit gefüllt, die sich durch die gebogenen Röhren bewegt und uns vor allem darüber in Kenntnis setzt, dass wir uns gerade drehen, oder Fliehkräften ausgesetzt sind. 

Diese Sensoren geben zwar schon recht genaue Hinweise, aber unser Gehirn möchte in der Regel noch mehr wissen und kombiniert deshalb die Informationen aus mehreren Kanälen um zu einem befriedigenden Gesamtbild zu kommen. Die vestibuläre Wahrnehmung zieht also neben dem Gleichgewichtsorgan auch noch die visuelle Wahrnehmung, den Tastsinn und die Tiefensensibilität zu Rate. Für das Wohlbefinden ist es in der Regel von Vorteil, wenn die visuelle Wahrnehmung und das Gleichgewichtsorgan die selben Hinweise weiterleiten. Ist dies nicht der Fall, etwa wenn wir beim Autofahren, über das Gleichgewichtsorgan die Beschleunigung und allerlei Fliehkräfte wahrnehmen, gleichzeitig aber über das visuelle System keine damit übereinstimmende Bewegung sehen, weil wir ein Buch lesen (oder heutzutage eben ins Tablet starren), dann ist das für empfindliche Gehirne Grund genug Übelkeit auszulösen. 

Soweit zur Wahrnehmung des Gleichgewichtsinns. Nun auch noch zur aktiven Nutzung. Die Anforderungen an unseren Gleichgewichtssinn sind: 

  • das statische Gleichgewicht (z. B. beim Stehen auf einem Bein, Handstand)
  •  das aktive dynamische Gleichgewicht (z. B. beim Gehen, Laufen, Turnen, Skilaufen)
  • das passive dynamische Gleichgewicht (z. B. Wellenreiten, Rodeln)

Auch hier kann das Gleichgewichtsorgan alleine nicht genug ausrichten und arbeitet mit vielen anderen Körperregionen zusammen, die uns dann im Alltagsleben sozusagen gemeinsam im Gleichgewicht halten. Das sind:

  • die Muskulatur des Skeletts – bei Körperdrehungen und teilweise bei Beschleunigung
  • das Gesäß (in der Fliegersprache das „Sitzfleisch“) – bei Beschleunigungen vor allem in vertikaler Richtung
  • das Gehör – zur Schätzung von Geschwindigkeiten mit Hilfe von Luftgeräuschen
  • der Hautsinn – für Eigen- und Luftbewegungen

Die Ausprägung des Gleichgewichtssinnes  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 

Hyposensitivität

  • Ein Bedürfnis den Oberkörper zu wiegen, (auf Schaukeln) zu schaukeln, sich zu drehen, hin- und herzupendeln, etc. um sensorische Eindrücke zu bekommen.
  • Schwierigkeiten das Gleichgewicht zu halten, zu balancieren, Stiegen zu steigen. 
  • Motorisches Planen und das Koordinieren der Körperhälften sind erschwert.
  • Braucht exzessive Bewegung um wach und organisiert zu bleiben. 

Hypersensitivität

  • Schwierigkeiten mit Sport, wo eine genaue Kontrolle der Bewegungen nötig ist – wirkt körperlich etwas unbeholfen.
  • Schwierigkeiten, mitten im Gehen oder während einer Tätigkeit plötzlich aufzuhören.
  • Übelkeit beim Autofahren.
  • Schwierigkeiten mit Tätigkeiten, bei denen der Kopf nicht oben ist, oder die Füße nicht auf dem Boden.
  • Angst vor bewegungsintensiven Aktivitäten wie Schaukeln, Rutschen, Raufen.
  • Ängstlich im Raum
  • Angst vor Krabbeln oder Gehen auf unebenem und / oder wackeligem Untergrund.

Quantitative Variationen

Es ist zwar  nicht direkt eine quantitative Veränderung, aber erwähnenswert. Das Gleichgewichtssystem steuert in der frühesten Entwicklungszeit die Schutz-Reflexe. Es wird ein Zusammenhang zwischen persistierenden Reflexen – also frühkindlichen Reflexen die noch immer aktiv sind – und Autismus beschrieben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass persistierende Reflexe für sich Autismus auslösen, aber dennoch können durch die Integration dieser Schutzreflexe viele Funktionsstörungen des vestibulären Systems, aber auch vieler anderer Systeme positiv beeinflusst werden.

9. Tiefenwahrnehmung – Propriozeption u. Kinästhesie

Die Tiefenwahrnehmung (propriozeptive Wahrnehmung) gibt uns Auskunft über Reize aus dem Körperinneren. Sie ist Teil der Innenwahrnehmung (Interozeption) und liefert für die Eigenwahrnehmung (Propriozeption) wesentliche Informationen. Dabei sind drei Sinne von Bedeutung.

  • Lagesinn (oder Positionssinn): liefert Informationen über die Position des Körpers im Raum und die Stellung der Gelenke und des Kopfes.
  • Kraftsinn: liefert Informationen über den Spannungszustand von Muskeln und Sehnen.
  • Bewegungssinn (oder Kinästhesie): ermöglicht eine Bewegungsempfindung und das Erkennen der Bewegungsrichtung.

Bei der Tiefensensibilität geht es überwiegend um die Eigenwahrnehmung des Körpers. Eng verwandt sind die vestibuläre Wahrnehmung, mit der Lageveränderungen und Lagewechsel wie Rotationen wahrgenommen werden können, die taktile Wahrnehmung (Oberflächensensibilität)sowie die Wahrnehmung der inneren Organe (Entero- oder Viszerozeption)

Die Ausprägung der Tiefenwahrnehmung  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Hyposensitivität

  • Zu nahe bei anderen stehen, weil sie ihren Abstand zu anderen nicht einschätzen können. (Das kann auch ein soziales Problem sein: den persönlichen Raum anderer nicht zu erkennen.)
  • Probleme, durch einen Raum zu navigieren und dabei Hindernisse zu meiden – rennen unabsichtlich in andere Leute hinein oder rempeln sie an, oder stoßen oft Dinge an oder um.
  • Steife und unkoordinierte Bewegungen
  • Probleme beim Schreiben und zeichnen, da der notwendige Druck nicht klar ist.
  • Schwierigkeiten beim Treppensteigen, oder generell beim Koordinieren der Muskeln.

Hypersensitivität

Im speziellen Fall der Propriozeption konnte bisher ‚Hypersensitivität‘ nicht beobachtet werden. Es handelt sich hierbei mehr um einen funktionellen Sinn, dessen schwache Ausprägung viele Funktionsstörungen mit sich bringt. Besonders stark ausgeprägte propriozeptive Wahrnehmung gilt als „Talentkriterium“ für Sportarten wie etwa Rhythmische Sportgymnastik, Schwimmen, Tanz, Badminton und Fußball u.v.a.

Quantitative Variationen

  • Die Reizverarbeitung erfolgt langsamer – die Bewegungen wirken ungeschickt.

10. Viszerozeption (bzw.Enterozeption)

Die Viszerozeption bezeichnet die Wahrnehmung des Zustandes und der Tätigkeiten der inneren Organe, wie etwa Verdauungsapparat und Herzlungenkreislauf – sie ist also auch Teil der Innenwahrnehmung (Interozeption).

Dazu braucht es eine Vielzahl verschiedener spezialisierter Rezeptoren, die bestimmte Druckverhältnisse, Sauerstoffsättigung, Hydrationsgrad, Magenfüllungsgrad und vieles mehr registrieren und über afferente Bahnen des vegetativen Nervensystems an bestimmte Ganglien oder Gehirnzentren melden. All diese Meldungen dienen dem Gehirn in erster Linie der optimalen Steuerung der inneren Organe und entlasten uns von der hochkomplexen Aufgabe selbst bewusst zu entscheiden wie schnell das Herz schlagen soll, oder wieviel Verdauungsenzyme gerade im Pankreas gebildet werden müssen.  Das vegetative Nervensystem entlastet uns, indem es diese schwierigen Aufgaben übernimmt, darum bleiben die meisten Informationen unbewusst – sie sind nicht für unser Bewusstsein bestimmt. 

Das vegetative System hat aber auch die Möglichkeit bestimmte Zustände auf die Bewusstseinebene zu stellen – also bewusst wahrnehmbar zu machen. Im engen Kontakt mit dem limbischen System ist die viszerale Wahrnehmung schließlich die Grundlage unserer Emotionen. Das Gehirn entdeckt beispielsweise einen Reiz und reagiert indem es unser Organsystem steuert und eine körperliche Reaktion auslöst. Wir nehmen die Veränderungen in unserem Körper bewusst wahr und erkennen erst so welche Emotionen wir gerade verspüren, oder erleben. Besonders intensive Gefühle sind hier Angst oder Wut – da wir sie evolutionsbedingt brauchen um sofort zu entscheiden ob wir auf eine Gefahrensituation mit Kampf oder Flucht reagieren sollen.

Emotionen finden also nicht im Gehirn statt, sondern sind in erster Linie körperliche Erscheinungen die wir interpretieren

Eine andere wichtige Aufgabe ist die bewusste Wahrnehmung von Erkrankungen und Verletzungen der inneren Organe (z.b. Magenschmerzen, Blinddarmentzüngen, Herzinfarkt, etc.)

Es ist auch die Viszerozeption, die bei drohenden oder bereits erfolgten starken Verletzungen eine Ohnmacht auslösen. Dabei verengen sich die Blutgefäße um den Blutverlust gering zu halten und um dem Bewusstsein traumatische Erlebnisse zu ersparen. 

Die Ausprägung der Viszerozeption  kann bei Autist*innen unter- und überempfindlich sein, die Reizverarbeitung kann verändert sein. Hier einige Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Hyposensitivität

  • Organische Schmerzen werden nicht wahrgenommen.
  • Frühe Warnzeichen einer drohenden Krankheit, wie Herzinfarkt und ähnliches, nicht wahrgenommen werden.
  • Völlegefühl, Hunger oder Durst werden nicht ausreichend wahrgenommen.
  • Gefüllte Blase bzw. gefüllter Darm wird nicht wahrgenommen.

Hypersensitivität

  • Angst wird losgelöst von der emotionalen Komponente die nicht dechiffriert wird, als organischer Schmerz wahrgenommen
  • Falls die Schwelle zur Bewusstmachung von Zuständen zu niedrig ist, kann das schwere Angstzustände und einige weitere Neurosen auslösen.

 

Quantitative Variationens

  • Die intensive Wahrnehmung innerer Prozesse kann nicht herausgefiltert werden und ermöglicht es nicht, sich nebenbei auch noch auf andere Reize konzentrieren zu können.

 

Literatur- und Quellenangaben

Schuster, Nicole; Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen, Eine Innen- und Außensicht mit praktischen Tipps für Leher, Psychologen und Eltern, 4. Auflage, Stuttgart 2016 

Dodd, Susan; Autismus, 1. Auflage, Heidelberg 2007, Nachdruck 2011

 Schaefgen, Rega; Praxis der sensorischen Integrationstherapie, 2007

 

 Higoshida, Naoki: The Reason I Jump, 2013, 

 

ICD 10: http://www.icd-code.de/icd/code/F84.0.html

 

ICD 11: https://icd.who.int/browse11/l-m/en#/http%3a%2f%2fid.who.int%2ficd%2fentity%2f437815624

 

https://de.wikipedia.org/wiki/DSM-5

 

https://autismus-kultur.de/autismus/dsm-5-diagnosekriterien.html

 

 https://de.wikipedia.org/wiki/Zentrale_Kohärenz

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung#Filtereffekte

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Synästhesie

 

https://autismus-kultur.de/autismus/autipedia/wahrnehmung-autistischer-menschen.html

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Auditive_Wahrnehmung

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Cocktailparty-Effekt

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Olfaktorische_Wahrnehmung 

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Flashback_(Psychologie)

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Gustatorische_Wahrnehmung

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Pica-Syndrom 

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Visuelle_Wahrnehmung

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Tastsinn

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Oberflächensensibilität

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Thermorezeption

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Schmerz#Nozizeption 

 

https://medlexi.de/Viszerozeption

 

https://www.meineergotherapie.de/images/stories/pdf/DasvestibulaereSystem.pdf

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Gleichgewichtsorgan

 

https://medlexi.de/Viszerozeption